„Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe,“ und an ihn herantretend, umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und süss seine Lippen zu küssen. Pankratius war immer zärtlicher geworden und hatte nicht bemerkt, wie das Mädchen immer schwächer wurde, und plötzlich liess er sie mit dem Schreckensruf: „Phyllis, was ist dir?“ aus seinen Armen gleiten und lautlos sank sie ihm zu Füssen. Er staunte nicht, dass ihre Hände kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das plötzlich den Raum beherrschte, erfüllte ihn mit unerklärlichem Grauen. Er schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim Schein der Fackeln das Mädchen in den verwirrten Leichengewändern tot daliegen, die Bänder und der Totenkranz aus dünnen Goldblättchen lagen fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie noch einmal laut auf, als er die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte, und zur Tür zurückweichend, flüsterte er entsetzt:

„Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!“

Der hinzugetretene Magier sagte:

„Die der Magie gewährte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der zeitweilig dem Leben Zurückgegebenen Besitz ergriffen,“ und er gab den Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des Palemon, hinauszutragen.

Tante Sonja’s Chaiselongue

Ich habe so lange im Ablegeraum unter altem Gerümpel gestanden, dass ich fast die Erinnerung an meine Jugend verloren habe, als der auf meine Rückenlehne gestickte Türke mit seiner Pfeife und der Hirtenknabe mit seinem Hunde, der mit erhobenem Hinterbeine sich flöht, — noch in grellem Gelb, Rosa und Himmelblau leuchteten und noch nicht verstaubt und verblichen waren; aber eben beschäftigen mich die Ereignisse mehr, deren Zeugin ich gewesen, bevor ich wieder dem jetzt wohl hoffnungslosen Vergessen anheimfalle. Man hat mich mit neuem hanffarbenem Seidenstoff bezogen und ins kleine Empfangszimmer gestellt und über meine Armlehne einen Schal mit grellen Rosen geworfen, als hätte ihn eine Schöne aus meiner Jugendzeit, plötzlich bei einem zärtlichen Stelldichein aufgeschreckt, liegen lassen. Übrigens änderte der Schal seine Lage niemals, denn wenn der General oder seine Schwester, Tante Paula, ihn zufällig verschoben, gab Kostja, der das kleine Gastzimmer nach seinem Geschmack eingerichtet hatte, diesem zarten bunten Gewebe wieder sein früheres, raffiniert nachlässiges, starres Aussehen. Tante Paula protestierte dagegen, dass ich aus der Rumpelkammer hervorgeholt wurde: auf mir sei die arme Sonja gestorben, ich sei die Ursache gewesen, dass eine Heirat nicht zustande gekommen, ich brächte der Familie Unglück sagte sie, aber für mich trat nicht nur Kostja, seine Kommilitonen und andere junge Leute ein, sondern auch der alte General selbst sagte:

„Das alles sind Vorurteile, Paula Petrowna! Wenn in diesem Ungetüm auch irgendein Zauber gesteckt hat, so hat er sich im Laufe der sechzig Jahre in der Rumpelkammer verflüchtigt; und dann steht es an einer Stelle, wo man immer vorbeigeht, so dass niemand es aufsuchen wird, um auf ihm zu sterben oder einen Antrag zu machen!“

Obgleich mir die Bezeichnung „Ungetüm“ nicht sonderlich schmeichelte und der General sich als kurzsichtig erwiesen hat, blieb ich im kleinen Empfangszimmer mit den grünlichen Tapeten. Ein Porzellanschränkchen stand mir gegenüber, über ihm hing ein alter runder Spiegel, der undeutlich meine seltenen Besucher zurückwarf. Bei General Gambakow lebte, ausser seiner Schwester Paula und seinem Sohne Kostja, noch seine Tochter Nastja, die ihre Schulbildung in einem Fräuleinstift erhielt.

*

Aus dem nach Westen gelegenen Nebenzimmer fielen die langen Strahlen der Abendsonne in meinen Salon und trafen gerade den Schal mit den Rosen, der noch prächtiger leuchtete und seine Farben spielen liess. Jetzt legten sich diese Strahlen auf das Gesicht und das Kleid von Nastja, die auf mir sass und so durchsichtig aussah, dass es sonderbar schien, die Strahlen nicht durch ihren Körper auf den Herrn, der vor ihr stand, fallen zu sehen, als genügte ihre Gestalt, das rötliche Licht aufzuhalten. Sie unterhielt sich mit ihrem Bruder über eine für die Weihnachtsfeiertage geplante Vorstellung, bei der ein Akt aus „Esther“ aufgeführt werden sollte, aber die Gedanken des jungen Mädchens schienen vom Gegenstande der Unterhaltung weit entfernt. Kostja bemerkte: