ZWEITES ZEICHEN. Aber andere Wahrzeichen, nicht weniger erstaunlicher Art, doch schon ohne die Flunkereien des gewitzten Magiers wiesen Philipp sicher auf das Wunder im baldigen Kommen des Kindes hin. Es geschah einst, daß der König vor langer Weile seine zahmen Lieblingsvögel fütterte; die Königin stickte auf der Brüstung des Hauses, ab und zu den Kopf hebend, wenn die Vögel empor zur Höhe der Brüstung schwirrten und das Hündchen ihr zu Füßen mit gespitzten Ohren knurrte oder aufbellte, die rauschenden Schaaren scheuchend. Die Königin stieß einen Schrei aus, da einer der weißen Vögel ihr auf die Stickerei flatterte und im Nu ein Ei legte, das zur Erde rollte unter dem hellen Bellen des Hündchens. Aus dem zerbrochenen Ei kroch ein Schlangenjunges, umkroch langsam seine jüngste Wohnung, als ob es wieder in die hineinwollte, aber kaum steckte es den Kopf in die Schale, da erzitterte es und verschied. Die Königin, über das Gitter geneigt, achtete nicht des beginnenden Regens und lauschte den Worten des Antiphon, Philipps Sohn werde über die ganze Welt ziehen, und, heimgekehrt, jung sterben. Traurig nahm die Königin ihre goldene Stickerei zusammen und sie ging, des wunderbaren Sohnes zu harren.
DIE GEBURT ALEXANDERS. Längst war die Frist der Erlösung verstrichen, und die Königin trug noch immer ihren großen Leib und klagte bitter Nektaneb an, der zu Fleiß die Stunde, schwer an Schicksalen, zurückhielt, bis die günstigen Himmelszeichen zusammenträfen. Seit dem spähenden Morgen setzte sie sich in den hohen Gebärsessel, und auf dem schlief sie sogar, weinend und klagend. Zuguterletzt rief Nektaneb vom Turm: »Es ist Zeit!« — und Olympias brüllte auf wie eine junge Kuh, außer Sinn vor Schmerzen, den Donner nicht hörend, nicht sehend den glänzenden Blitz vom klaren Himmel.
Die Wehemutter nahm unter dem Sessel einen Knaben hervor, der weder seinem Vater noch seiner Mutter glich: er hatte langes Haar auf die Art einer Löwenmähne, rot von Farbe, das eine Auge abwärts, das andere Auge zur Seite gerichtet; mit großem Kopfe und gerader Nase.
Dieses war die Geburt Alexanders.
DRITTES KAPITEL
DIE ERZIEHUNG ALEXANDERS. Philipp liebte den ihm unähnlichen Knaben, der rothaarig, zügellos und eigensinnig war, nicht sehr, doch er beruhigte sich, bei der Erinnerung, daß das Kind seiner ersten Frau längst gestorben war, und zudem hatte er von der delphischen Sybille die Prophezeihung vernommen, nach ihm werde ein großer Held regieren, der könne das Roß mit dem Stierkopf zügeln. Zu Lehrern wurden dem Knaben gegeben: Für die Schreibkünste Polyneikes, für die Musik Leukippos, die Geometrie Melepos, die Beredsamkeit Aximenides, für die Kriegskunst Feldherrn, zum Erzieher Leonides, zur Amme des Melantos Schwester, zum Lehrer der Philosophie Aristoteles. Mit dem letzteren brachte der Prinz den größten Teil seiner Zeit zu, unter der Zahl der anderen Schüler, die Kinder der Höflinge waren, in den Baumreihen des Palastgartens sich ergehend. Aristoteles hatte mehr denn einmal seinem Zögling eine große Zukunft und Weltenruhm vorausgesagt. Einst wandte sich der alte Philosoph an die Kinder mit der Frage, was sie ihm schenken würden, wenn sie König wären. Eines versprach dies, das andere etwas anderes, aber Alexander schwieg still, den roten Lederball in die Höhe werfend, »Und du, Prinz, was würdest du an mir tun?« Die rote Mähne schüttelnd antwortete der: »Warum an die Zukunft denken? Einst kommt die Stunde, und du wirst selbst sehen, was ich zu tun für geziemend erachten werde!« Aristoteles küßte ihn auf die Stirn und setzte den langsamen Spaziergang fort.
DER TOD NEKTANEBS. Olympias besorgte sich um ihren göttlichen Sohn und vermahnte Nektaneb oft, in den Sternen immer wieder nach demselben Geschick zu lesen. Als einst der Prinz den Ägypter bei derart Meldungen traf, bat er sich aus, selbst in die Sterne schauen zu dürfen. Nektaneb willigte ein, und um die nächste Mitternacht stiegen sie zu zweit auf den Stadtwall. Der Ägypter bedeutete dem Sohne den Sinn der Gestirne, als plötzlich ein mächtiger Stoß ihn vom hohen Wall tief in den Laufgraben hinabstürzte, und über ihm die laute Stimme des Prinzen erscholl: »Wie denn vermagst du das ferne Geschick anderer Menschen zu lesen, der du nicht weißt, was sogleich dir geschehen wird?« Über dem Stöhnen des Abgestürzten stieg Alexander eilig hinab, und, zu seinem Vater sich beugend, fragte er: »Du hast dich verletzt? Verzeih mir den Spaß!« »Du trägst kein Verschulden; es war dein Geschick, den Vater zu morden!« »Niedriger Sklave, was sprichst du da?« »Ich sterbe, Prinz, aber ich lüge dir nicht, vernimm:« und ersterbender Zunge erzählte Nektaneb Alexandern die Geschichte und von den Umständen seiner Geburt. Lange blickte der Prinz bei dem ungewissen Schein der Sterne in das erstarrende Antlitz des Magiers, nicht versichert, ob er glauben sollte oder nicht glauben sollte. Endlich lud mit einem Seufzer er den Körper auf seine Schulter und trug ihn in die Gemächer der Königin. Jene schlief noch nicht, und, nachdem sie entsetzt den Bericht des Sohnes angehört, ließ sie sonder Stöhnen sich in einem tiefen Sessel nieder. Den Morgen wurde der Unglücksfall des fremden Astrologen vermeldet. Nach einer festgesetzten Anzahl von Tagen wurde der Ägypter bestattet, auf die griechische Art.
BUKEPHALOS. Alexander war fünfzehn Jahre alt, da vernahm er im Frühling, an den Ställen seines Vaters vorbeigehend, ein Wiehern, das dem Wiehern der anderen Pferde nicht glich. »Was wiehert da so fürchterlich?« fragte der Königssohn die Stallknechte. Und gleichsam zur Antwort ertönte abermals das Wiehern, ebenso laut aber zart und lieblich, gleich als ob das Gurren der Turteln vom fernen Echo widersurrt. »Was wiehert da so schön?« rief wieder der Prinz, in Ungeduld die Brauen runzelnd. Die Stallknechte erklärten, da wiehere Bukephalos, ein unberitten Pferd, das von dem Fleisch zum Tod verdammter Verbrecher genährt werde, in einem Stalle von Eisen. Alexander forderte, daß die riesigen Riegel geöffnet würden, trat an die Krippe, die voll von abgenagten Knochen war, und packte das ungeheuerliche Pferd an der Mähne, wandte die Augen des Pferds geradezu in die blendende Sonne, sprang von hinten auf seinen lastungewohnten Rücken und flog wie ein Pfeil nach dem Palaste. Die Stallknechte stürzten mit Geschrei hinter der Staubwolke her, doch schon stand das Pferd ganz in Schaum, schielenden Augs, mit dem hitzigroten Reiter an der Treppe des Palastes, die der König im Hausgewande hinabeilte. Unten angelangt kniete Philipp und rief: »Sei gegrüßt, mein Sohn, der du das Pferd gezähmt, du Beherrscher der Welt!«
Und die Königin, die an dem Fenster des oberen Stockwerkes den Vorfall beobachtet hatte, die Stallknechte und das ganze Volk, diese alle wiederholten: »Es sei gegrüßt der Beherrscher der Welt!« Alexander aber streichelte lächelnd die Mähne des Rosses, das in die grelle Sonne schielte.