ALEXANDER AUF DEN OLYMPISCHEN SPIELEN. Alexander, der mehr als einmal seinem Vater unweit in Feldzüge das Geleit gegeben hatte, wünschte längst seine Kräfte auf den ruhmesreichen olympischen Spielen zu erproben.

Der König entließ, doch nicht sonderlich gerne, den Prinzen samt seinem Freunde Hephaistion, welcher mit den zärtlichsten Banden an den Königssohn geknüpft war, und rüstete ein besonders prunkvolles Schiff aus. In Pisa angelangt, vernahmen sie, es seien zum Wettkampf nicht wenige vornehme Ritter zusammengekommen, als da waren: Xanthias von Böotien, Kimon von Korinth, Kleitomachos, Aristippos der Olynthier, Perieros, Lakon, aber der berühmteste war Nikolaos, der Sohn des arkarnischen Königs. Mit diesem hochfahrenden Jüngling erstand Alexandern ein Zwist fast sogleich bei der Landung. Den Ankömmlingen begegnend auf der Straße am fröhlichen Hafen, fragte Nikolaus hochnäsig stolzierend: »Ihr seid gekommen, die Spiele anzusehen?« »Wir sind gekommen, zu kämpfen!« »O, ihr vermeint, dies seien Spiele der Kinder?« Alexander entzündete sich und antwortete: »Ich bin bereit, mit dir zu kämpfen!« »Nikolaos bin ich, der Sohn des Königs von Arkarnien!« erwiderte hochmütig der Jüngling. »Und ich bin der Prinz Alexander, der Sohn des Philipp von Makedonien. Doch was gelten hier unsere Königreiche? alles ist vergänglich!« »Du sprichst wohl gesetzt, aber verstehst du deine Worte, Kind!?« »Vollkommener als deine aufgeblasenen Reden!« und gingen zu verschiedenen Seiten, indem ein jeder nach links spie. Am anderen Tage trat Alexander nicht nur im Wettkampf der Wagen auf, sondern sogar besiegte er alle Teilnehmer, und Nikolaus, der Königssohn, schlug sich zu Tode, indem er vom Gespanne stürzte, das an Trümmern von anderen Wagen hängen geblieben war. Der makedonische Prinz ward gekrönt mit dem Kranze des Siegers, indem der Priester des Olympischen sprach:

»Vieler Feinde Bezwinger, den Stolz der Vermessenen zähmend,

Mächtigen Schicksals Kind. Also verkündet dir Zeus.«

PHILIPPS EHE MIT KLEOPATRA. Freudig und bekränzt eilte der Prinz seiner Heimat zu, wo unfrohe Nachrichten seiner harrten. Er vernahm, daß in seiner Abwesenheit der König sich beschlossen hatte, die Königin entlassend, zum drittenmal zu heiraten, und zwar eine gewisse Kleopatra, die Schwester des Lysias. Auf jenen Abend war gerad das Hochzeitsmahl gelegt. Ohne den Kranz vom Haupte zu nehmen, trat Alexander in den Festsaal, der war übervoll von Gästen. Zwischen zwei Leuchtern prunkten auf ihren Thronen Philipp und Kleopatra, bekrönet und in feierlichen Gewändern. Der Prinz blieb in der Tür stehen, mit den Worten: »Vater, hier ist die Krone meiner ersten Taten, nimm sie an. Ich preise mich glücklich, zu deinem Hochzeitsfest gekommen zu sein, wenn dereinst ich meine Mutter Olympias vermähle, so hoff ich, wirst dus nicht versagen, zum Abendschmause zu kommen!« Und nahm Platz gegenüber dem verwirrten Paare. Lysias rief von seinem Platze: »Der König ehelicht die edle Kleopatra, auf daß er gesetzliche Thronfolger habe« . . . Er wollte fortfahren, aber fiel plötzlich zurück, röchelnd, da der schwere Leuchter, von Alexanders geschickter Hand geworfen, ihm die Schläfe eingeschlagen hatte. Der König sprang schimpfend auf, sich verwickelnd im Mantel, Kleopatra erhob sich, die Gäste standen auf und die Diener häuften sich in der Mitte des Saals. Philipp machte einige Schritte, wankte und stürzte laut polternd von den Stufen des Throns herab.

Alexander lachte auf, das Gewirre und Geschrei überdeckend: »Hat Asien erobert, Europa in Angst gehalten, und kann keine zwei Schritte tun!«

Die Freunde Philipps und des Lysias stürzten sich auf Alexander, aber dieser, das Schwert des kraftlos darniederliegenden Königs an sich ziehend, begann damit nach rechts und nach links zu schwingen, geschickt Schläge setzend und rufend: »Geh auf und davon, du ungebetenes Mütterchen, ich rate dir das von ganzer Seele!« Die Gäste flohen in Angst, die Leuchter umwerfend, sich bergend unter die Tische, Bänke und in dunkle Ecken. Die erschreckte Kleopatra, auf den König und ihren Bruder umblickend, entfernte sich eilig mit ihren Damen, und Alexander schwenkte immer noch das Schwert, bis er wahrnahm, daß das Gemach leer war, in den Fenstern die Dämmerung graute und nur der König, vom Falle verletzt, stöhnte. Da legte der Prinz das Schwert beiseit und rief: »Warum hast du, König, diese böse Tat zu vollbringen getrachtet?«

Aber Philipp stöhnte nur, und Alexander, ohne weiter zu fragen, befahl eine Sänfte herbeizubringen, daß der Kranke in sein Schlafzimmer getragen werde.

Olympias in ihrem dunklen Trauerkleide umarmte ihren Sohn, trauernd und sich über seinen Schutz freuend. Zehn Tage lang ging der Prinz vom König zu der Königin hin und wieder, bemüht, ihre im Schmerz erstarrten Herzen zu schmelzen, und endlich küßte Philipp Olympias, und sie schlang sich lächelnd um seinen Hals, doch Alexander wandte sich ab nach dem Fenster, wo die fernen Berge sichtbar waren, damit er die Worte der süßen Versöhnung nicht störe.

Im Volke aber wuchs der Ruhm von der Weisheit und der Kühnheit des Königssohnes.