Aus der Ferne ertönten einsame Schritte, die still und deutlich auf den Brettern des Bürgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam durch die Nacht, immer näher und näher. Es war sonderbar und geheimnisvoll, diese Schritte zu hören, als ob sich in der kühlen, klingenden Stille die Töne von selbst näherten und ein eigenes einsames Geheimnis mit sich trügen.
Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin, erkannte ihn und rief: „Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?“
Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lächelte er freudig und ging auf sie zu.
„Wo gehen Sie hin?“ fragte das Mädchen, als er direkt vor ihr stand.
„Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorläufig ...“ erwiderte Lande schwach und müde.
Er stand dicht am Fenster, und das Mädchen sah ganz deutlich sein eingefallenes Gesicht mit unnatürlich großen Augen. Das Gefühl neugierigen Mitleides, jenes Gefühl, welches Lande stets in ihr hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll, wie diese junge Brust selbst.
„Iwan Ferapontowitsch ...“ fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. „Ist es wahr, daß Sie mit Ihrer Mutter vollständig gebrochen haben?“
Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die unwillkürliche Frage leid tat: „Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ... nicht wahr?“
„Mich kann man fragen ...“ antwortete Lande mechanisch. Er hatte offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und nachdenklich: „Ich habe mit ihr nicht gebrochen, — ich habe nie und mit niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt — vielleicht sogar mehr noch, weil sie unglücklich ist ... Ich bin nur fortgegangen, um allein zu leben ... Da mußte ich eben wählen: entweder nicht so leben, wie mich meine Überzeugung heißt, oder fortgehen ... Ich glaube, Sie hätten ebenso gehandelt ... wie ich.“
Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. „Nein, ich könnte es nicht ... wie käme ich dazu!“ wehrte sie mit schwachem Lächeln ab.