In ein Laken, aus dem unten die dürren, nackten Beine herausblickten, eingewickelt, einem schlecht kostümierten Gespensterdarsteller ähnlich, öffnete Ssemjonow Lande die Tür. Den Augen Landes, die noch an die feuchte Luft und den reinen Glanz der Nacht gewöhnt waren, kam das gelbe trockene Licht der Lampe, die dünnen, gebrechlichen Möbel, das durcheinandergeworfene Bett mit den heißen Kissen und das trockene, gelbe Gesicht Ssemjonows, seine stockdürren, weißen Beine, im ersten Augenblick ganz unerträglich vor.

Ssemjonow setzte sich auf das Bett; sein Aussehen war entsetzlich. Sein erdfarbenes gerunzeltes Gesicht, die dünnen Haare, die schweißdurchtränkt an den mit trockener Haut bezogenen Schläfen klebten, der magere Körper, auf schmale, spitzige Schulterblätter gespannt, alles sprach in einfacher, furchtbarer Sprache von der sinnlosen Krankheit, die von niemandem in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit begriffen werden konnte, die sich im Innern eines Menschen verbirgt; und an einer kleinen Stelle der Zerstörung seine ganze Welt — sein Leiden, Verzweifeln und Grauen — einschloß.

Ssemjonow blickte mit geweiteten, fieberglänzenden Augen auf Lande; sobald er sich neben ihm auf das Bett gesetzt hatte, sagte er hastig: „Es ist gut, daß du herkommst ... Mir ist schlecht ... bange, irgend warum ... gewesen. Ich werde schon bald sterben, Lande ...“

Es schien, daß er nicht auf Lande sprach, sondern auf jemanden, der sich in der Tiefe seines leidenden Körpers grämte, einredete, um ihn von dem unvermeidlichen, und doch nicht auszudenkenden Ende zu überzeugen. Stechendes Mitleid riß Lande fort. Er wandte seinen Körper ganz zu Ssemjonow hin und legte beide Arme um die mageren Schultern, die nach kaltem Schweiß rochen. Durch das abgeriebene, fadenscheinige Hemd ließ sich der heiße Körper und die harten Knochen fühlen.

„Wassja ... mein Lieber, Armer!“ sagte er und versuchte ihn, beinahe weinend, von alldem zu überzeugen, was er selbst liebevoll und naiv glaubte: „Unmöglich kann ein Leben nur für die Erde existieren, zu riesig sind die Mühen und Leiden, als daß sie vergehen könnten, ohne sich über das Irdische zu erheben. Unbegreiflich, armselig und sinnlos wäre dann die Existenz des menschlichen Geistes mit seiner lichten Vernunft und dem geschmeidigen, reichen Denken in der unendlich großen, schönen, ewigen Welt.“

Lande sprach lange, eilig, als ob er fürchtete, daß es seinen Worten nicht gelingen werde, das Gewaltige, Dunkle, das langsam von der leidenden Seele Besitz nahm, zum Stehen zu bringen, ihm den Weg zu verlegen. Ssemjonow hockte regungslos zusammengekauert und blickte starr in die Flamme der Lampe. Seine dünnen rissigen Lippen waren fest aufeinandergepreßt und von der Seite sah Lande ein glänzendes Auge, in dem sich die gelbe Flamme der Lampe wiederspiegelte. Manchmal kam es ihm vor, daß Ssemjonow gar nicht auf ihn höre; dann wünschte er ihm ins Ohr zu schreien, ihn anzurufen, an der Schulter zu rütteln, voll Trauer und Verzweiflung. Doch mit Entsetzen bemerkte er, daß dieses einsame Leiden taub und verschlossen blieb, wie der Deckel eines eisernen Sarges, der ebenso kühl und stumm ist und ein furchtbares Geheimnis in sich birgt, das ihm allein offenbar ist.

„Wassja, ich weiß doch, du glaubtest!“ rief Lande. „Erinnerst du dich, wie glücklich und frei wir waren, als wir von Gott, vom ewigen Leben, von den ewigen Freuden sprachen! ... Warum schweigst du denn, Wassja? ... Sage doch etwas!“

„Höre, Lande ...“ erwiderte Ssemjonow plötzlich, ohne den Kopf zu heben, als ob er einen verborgenen Ausdruck seines Gesichts vor ihm verstecken müßte. Er sprach auch nicht wie sonst, oberflächlich und ironisch, sondern mit bemitleidenswerter und ratloser Stimme, mit kindisch schluchzenden Tönen. — „Ich wollte dir sagen, Lande ... ich möchte gar nicht sterben! ...“

Ein feiner Gram weinte und flehte aus jedem Wort; seine Stimme grub sich scharf in die Ohren.

„Ich möchte nicht, Lande ... Mag alles so sein, vielleicht ... und ich ... komme nur früher als ihr ... zum gemeinsamen Ziel ... Mag auch Gott und alles sein ... aber ... aber ich möchte doch nicht sterben, Lande! ... Um das Leben schmerzt es mich, um dich, um mich, die Sonne, das Gras ... um alles schmerzt es mich. Vielleicht sehe ich es nie mehr wieder ... Lande!“