Lande weinte; dicke Tränen flossen über sein gespanntes Gesicht und die Hände bewegten sich ohnmächtig hin und her.

Ssemjonow schwieg. Dann setzte er sich auf, während er in seinem dünnen, hellen Kinnbart kraute, überlegte ein wenig, und fiel wieder zurück. Sein gerunzeltes Gesicht veränderte sich auf einmal; wurde trocken und gelb.

„Ein Dummkopf bist du, Lande!“ sagte er mit einem boshaften Lächeln: „glaubst du denn wirklich, daß all dieses dumme Zeug über Gott irgend eine Bedeutung haben kann, wenn man tatsächlich ans Sterben kommt? ... Es ist ja ganz tröstlich und behaglich, über Unsterblichkeit nachzudenken ... man muß darüber denken, um zu leben. Aber wenn man stirbt und weder vor noch hinter sich irgend einen Gott sieht ... da läßt man sich nicht betrügen ... es hat auch keinen Zweck ... Rede nur nicht weiter! ... Es regt mich bloß auf!“

Die letzten Worte rief er mit dünner und böser Stimme, sein Unterkiefer klappte unaufhaltsam gegen den oberen.

„Da leide ich ... kannst mir glauben, daß ich nicht zum Scherz die Schmerzen habe —“ auf sein Gesicht trat ein krummes Lächeln. „Mein Leben ist schon zu Ende, alle Freuden, Sinn ... alles zu Ende! ... Nur das Leiden allein ist geblieben ... Man könnte glauben, hier wäre dein Gott vor allem nötig ... Sonst ist das Leiden sinnlos! ... Aber wo bleibt nun dein Gott? ... Warum zeigt er sich jetzt nicht? ... Wenn ich im Todeskampf liege und meine Beine kalt werden ... vor meinen Augen, bei vollem Bewußtsein kalt werden ... Verstehst du es? ... Ach, auch dann werde ich immer noch nicht wissen, ob es wahr ist, ob es einen Gott gibt! ... Wozu sollte ich es auch wissen.“

Ssemjonows Stimme pfiff und kreischte auf, bohrte sich in die Wände und brach plötzlich ab. Er wurde blaß, sperrte wild die Augen auf, zitterte am ganzen Körper, und mit einem Mal riß ein abgerissenes, feuchtes Husten sein von Angst, Haß und Schmerz verzerrtes Gesicht fast in Stücke.

Lande ergriff ihn und stützte ihn mit zitternden Händen. Ssemjonow rollte ihm seine Augen, ungeheuer vergrößert wie das Leiden selbst, entgegen; er strengte sich noch immer an, weiter zu reden.

„Ah, also was für einen Wert hat dann noch dein Gott!“ sagte er, nachdem er aufgeatmet hatte, und schielte erregt auf das Taschentuch, in dem Schleim und Blut klebte. „Für einen lebenden Menschen. Der Mensch erkennt ihn also, falls er überhaupt existiert, nur dann, wenn alles Menschliche in ihm ... alles Lebendige bereits gestorben ist ... wenn der Mensch nicht mehr da ist, nur eine Leiche ist, aber kein Mensch ... Gehe schlafen ... Ich lösche die Lampe aus ...“

Lande antwortete nichts; er fühlte sich unfähig, sein Gefühl und seinen Glauben einem anderen Menschen mitzuteilen, der zwei Schritt neben ihm bitter litt.

Ssemjonow blicke ihn scharf an und lächelte mit selbstquälerischem Genuß.