Gleich an die letzten fast zur Erde geneigten Häuser des Außenviertels schlossen sich breite Flächen weißen Streusandes an. Die Sonne ging weit hinten unter; ihre langen Schatten liefen voran, hoben unnatürlich hoch die Füße, als ob sie ihnen, wie unendliche schwarze Pfeile, den Weg weisen müßten. In weiter Ferne, mitten im leeren Feld, saß auf den Hügeln ein Mensch, der sich, hell von der niedrigen Sonne beleuchtet, deutlich von dem blauen Himmel abhob.
„Da sitzt Molotschajew!“ sagte Marja Nikolajewna.
Man konnte sehen, daß sich der Maler über eine kleine Staffelei, die komisch auf den dünnen spitzigen Beinchen stand, beugte.
„Gefällt Ihnen Molotschajew?“ fragte Marja Nikolajewna, und das Gefühl in ihr erwartete gerade jene ruhige, gute Antwort, die, wie ihr schien, nur Lande allein zu geben vermochte.
Lande lächelte.
„Mir gefallen alle ...“ sagte er. „Alle Menschen sind im Grunde genommen gleich, und wer den Menschen im allgemeinen liebt, der liebt auch alle und jeden ...“
„Aber es gibt doch bessere und schlechtere Menschen?“
„Nein, das glaube ich nicht ... Das meint man nur so, wenn man die Menschen nicht nach den guten Gefühlen bewertet, die in jedem enthalten sind, wie er auch sonst sein mag, sondern in seinem Verhältnis zu einzelnen Tatsachen, die man gerade von seinem persönlichen Standpunkt aus für gut hält ... Das ist doch ungerecht ... Man muß von seiner Unfehlbarkeit sehr überzeugt sein, um so zu urteilen! Ja ... jeder Mensch besitzt Liebe, Herzensgüte, Feinfühligkeit, Ehrlichkeit, Selbstaufopferung — alles, woran nur die Menschenseele reich sein kann. Nur die Lebensverhältnisse der Menschen sind ungleich, und daher können sich diese Gefühle nicht in einer Richtung entwickeln ... Niemandem kann es aber ein Vergnügen machen, so einfach, um des Gefühls willen, böse, neidisch, grausam, gierig zu sein ...“
„Mir aber macht es manchmal Vergnügen, grausam zu sein ...“ erwiderte Marja Nikolajewna nachdenklich.
Mit liebevoller Zärtlichkeit sah Lande von der Seite auf ihre schlanke, abgerundete Gestalt und das zarte, durchsichtige Profil, das stets traurig aussah, wie auch in Wirklichkeit der Gesichtsausdruck sein mochte.