Im Stadtgarten war italienische Nacht. In der dunkelgrünen Baummasse glühten regungslos, wie märchenhafte Feuerblumen die bunten Flecken der Laternen. Militärmusik spielte. Ihre blechernen Töne füllten die grüne Dämmerung mit dem wilden Tanz kreisender, klingender Gespenster. Sie hallten unter den Bäumen wieder und schwebten einsam an das ferne Ende des Gartens, klangen durch dunkle, leere Alleen, überholten einander bald in kreischender metallner Traurigkeit, bald in ungestüm-scharfer Freude. Es waren nur wenige Menschen in den langen Alleen. Die unbeweglichen feurigen Blumen beleuchteten nur einsamen Tönen, die unsichtbar an ihnen vorbei flogen, den Weg.

In der Hauptallee und auf dem Platz neben dem Orchester und dem Buffet war es heller, einfacher und ruhiger. Die Musik dröhnte hier so nahe, daß man ihr betäubendes Gebrüll nur als Lärm empfinden konnte. Die Feuer flossen in ein grelles, gelbes Licht zusammen. Die Menge drängte sich dicht, lachend, plaudernd, in buntem Durcheinander. Es roch nach Puder, Kerzendunst und Parfüms.

Marja Nikolajewna war zusammen mit Lande hingekommen. Diese zwei Wochen ließ sie ihn kaum von sich. In seiner Gegenwart fühlte sie sich klar und ruhig; sie glaubte, ihn einfach und zärtlich zu lieben. Lande sprach ebenmäßig, still und gut, nie war in ihm Begehren oder Leidenschaft zu merken. Auch sie sprach mit ihm nicht von Liebe, aber tief in ihrer Seele, irgendwo in ihrem prächtigen Körper, glimmte verlegen die süße Erwartung eines lichten, herrlichen Augenblicks. Wenn sie Lande ansah, spiegelte sich in ihren Augen diese kristallklare, freudige Empfindung wieder.

Sie war mit Molotschajew schon seit langem nicht mehr zusammengetroffen. Er hatte zuerst versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, indem er sie plump an jene glühende Nacht erinnerte. Als sie jedoch erschrocken von ihm zurückwich, begann er mit seiner Abreise zu drohen; er war auch wirklich auf kurze Zeit fortgefahren. Sie atmete freier auf. Doch sobald sie erfuhr, daß er zurückgekehrt war, erwachte in ihr etwas wie bange Freude und Erwartung. Sie sah unruhig um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, daß ihr niemand dieses Gefühl anmerke. Es rief viele qualvolle und sonderbare Regungen in ihr hervor.

... Was ist denn das? Bin ich denn wirklich so verdorben? schwirrte es quälend durch ihren Kopf ... Ich liebe doch Lande ... den lieben, den reinen. Nicht den andern ... das Tier!

Sie suchte sich Molotschajew vorzustellen; er war wie ein schönes, ungebändigtes Tier. Trotz ihres Widerwillens dachte sie doch mit interessierter Neugierde an ihn; ihre Nasenflügel spannten sich, ihre Brust hob und senkte sich und ihre Augen lagen weit geöffnet in den Höhlen. An dem Abend, an dem Molotschajew ein eigentümlich verworrenes Gespräch mit ihr gehabt, das in seinen simpeln Teilen Fieberphantasien glich, flogen wie abgerissene Fetzen dazwischen Andeutungen, scharf ausgeprägt, heuchlerisch lockend, während die Augen die Wahrheit sprachen.

Nachher, allein, hatte Marja Nikolajewna die undeutliche Vorstellung, daß in ihrem Körper ein Kampf tobte: etwas Reines und Helles ertrank ohnmächtig in heißen, wahnsinnig stürmischen Wogen hellroten Blutes. Nachts, als sie sich ankleidete, ergriff sie der brennende Wunsch, sich vollständig nackend zu entkleiden; lange, mit derselben ruhelosen Neugierde betrachtete sie ihren schlanken, nackten Körper, der in greller Windung aus der finsteren Tiefe des großen Spiegels zurückgeworfen wurde. Am Morgen darauf fühlte sie sich entsetzlich beschämt. In ihrer ohnmächtigen, einsamen Angst suchte sie Lande auf, rief ihn an, blickte in seine reinen, ruhigen Augen und erlangte bei seinem freudigen, zusammenhanglosen Reden die Ruhe zurück.

Sie wußte, daß Molotschajew zu dem Gartenfest kommen würde. Sie fühlte es an der unruhigen Kühle, die in ihrer Brust aufstieg, und von der ein leichtes Zittern durch ihre vollen Schenkel lief. — Er wird kommen ... Ich muß gehen! muß gehen! ... dachte sie halb unbewußt; ging aber nicht fort, wartete, und betrog sich selbst. Was geht er mich denn überhaupt an ... Ich habe nur Angst vor ihm ... vor seiner Brutalität! — rechtfertigte sie sich und fühlte, daß sie log.

Die Musik verstummte. Hinter den schweigsamen, regungslosen Bäumchen trat die Stille hervor; man hörte, wie erregt und abgerissen die Schritte der Spaziergänger über den Sand der Allee scharrten.

„Wissen Sie,“ sagte Lande, „daß Ssonja eine Pilgerreise zu Fuß unternehmen wird?“