Für eine Sekunde riß sich Marja Nikolajewna von ihren Gedanken los und sah ihn verwundert an: „Nicht möglich! Wohin?“
„Über hundert Werst weit ... Sie hat sich eine Reisegefährtin gesucht, eine einfache, alte Frau, und will gehen. Sie hat mich um Rat gefragt.“
„Und Sie haben ihr zugeredet?“
„Nein. Sie fragte mich so, daß ich sah, sie hat es nicht nötig. Ich habe nichts gesagt,“ erwiderte Lande ernst.
„Sie ist in Sie verliebt!“ meinte Marja Nikolajewna, mit einem häßlichen Gefühl, das sie aber selbst nicht merkte.
„Nein!“ erwiderte Lande entschlossen und ruhig. „Ihr scheint es vielleicht wirklich, daß sie in mich verliebt sei ... Ich habe es bemerkt. Aber das ist nicht richtig; — sie ist nicht in mich verliebt, sondern in ... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll ...“ Lande lächelte schwach und schwenkte die Hand. „In das Große ist sie verliebt ... Sie ist ein wunderbares Mädchen, diese Ssonja! Sie hat ein großes Herz und wenig Liebe. Es gibt solche Menschen; sie sind unglücklich: sie möchten in ihr Herz etwas Riesiges einschließen, die ganze Welt, Heldentaten, Märtyrertum, und ihnen fehlt die Liebe, das Kleine zu fassen, das neben ihnen ist ...“
Marja Nikolajewna hörte Lande zu, blickte aber unverwandt, gespannt, auf den Lichtkreis am Eingangstor des Gartens. Dort sah sie plötzlich Molotschajew auftauchen, sah, wie er, da er sie offenbar nicht bemerkte, in eine andere Allee einbog, regte sich aber nicht.
„Molotschajew, hier sind sie!“ ertönte an der Seite die scharfe Stimme Schischmarjows, und die beiden kamen auf sie zu.
Molotschajew drückte schweigend die schmale, weiche Hand des Mädchens.
Schischmarjow fing sogleich an, energisch auf Lande einzureden. Marja Nikolajewna hörte sie nicht ... Sie atmete hastig, wobei sie ihre Brust hoch und nervös anhob, und schaute entschlossen vor sich hin; mechanisch klappte die Spitze ihres Schirms auf den Boden.