Das Mädchen fühlte, wie in ihr der feurige grenzenlose Überschwang ihrer Kräfte aufloderte. Dieses neue Gefühl, das ihr aber jetzt längst bekannt erschien, füllte mit einem Mal ihren ganzen Körper, der schon so lange gewartet hatte und jetzt wild erglühte. Sie schloß die Augen und begann, erst schüchtern, als ob sie es erst kennen lernen müßte, dann immer fester und anhaltender, ganz Genuß und Hingabe, zu küssen. Ihr weicher, elastischer Körper erzitterte und drückte sich unterwürfig und verlangend an ihn. Plötzlich öffnete sie schnell die dunkelgewordenen, fragenden Augen, und blickte fest in die Landes. Sie sah ein kaltes, erschrecktes, vernichtendes Gesicht, in diesem Augenblick schien es ihr unerträglich widerwärtig.
„Nicht so ... nicht doch auf diese Weise!“ sagte er mit verlegenem hilflosem Lächeln.
Das Bewußtsein, einen schweren, abscheulichen Fehler getan zu haben, zuckte wie grelles Licht durch das Gehirn des Mädchens. Gegen eine Sekunde lang sah sie Lande mit festen, in Scham und Verzweiflung glühenden Blicken an; eine helle, scharfe Röte setzte rasch ein, und überflutete ihr Gesicht. Ihre Wangen, Stirn, Hals flammten auf, und es schien, daß es für dieses rote Feuer der Scham und Verletzung kein Ende geben könne. Sie ächzte dumpf, warf sich zurück und erhob sich hastig, das Gesicht mit den Händen bedeckt.
Lande setzte sich verwirrt auf. „Marja Nikolajewna, ist das denn ... durchaus nötig? Ich liebe Sie ... nur nicht so! Wozu das?“ stammelte er gequält und streckte ihr seine zitternden Hände hin.
Das Mädchen wich zum Tisch zurück und fiel schwer in den Stuhl, ohne ihre Hände herunterzunehmen. Dann fing sie an, sich wie ein angeschossener Vogel hin- und herzubewegen, bald wollte sie aufstehen und fortgehen, dann setzte sie sich wieder, sinnlos lächelnd; ihre Blicke glitten bald mit Verzweiflung und Scham, mit innerer Verwirrung, bald mit einem Gefühl der Schuld und des Hasses über Lande hin.
„Nichts ... Das war so ... Ein Irrtum ... ich habe gescherzt ... ich weiß nicht ...“ sie strengte sich an weiter zu sprechen und fühlte doch, wie sie sich von ihm immer mehr entfernte.
Ssonja kam auf den Lärm leise herein und blieb auf der Schwelle stehn, mit großen und herben Augen. „Marja, was hast du?“ fragte sie streng; als ob sie sie warnen müßte.
„Nichts, nichts, Ssonjetschka!“ sagte das Mädchen abgerissen. „Ich geh fort ... es ist Zeit ...“ Sich in den Rock verwickelnd und ungeschickt mit der Schulter gegen die Tür stoßend, ging sie aus dem Zimmer und lief wie ein Gespenst über die leeren, kalten Straßen, durch Wind und Finsternis. Ssonja schloß hinter ihr vorsichtig die Tür und trat an Landes Bett.
„Ssonja, liebe ... wie schuldig bin ich! Was soll ich jetzt tun? Wie konnte ich das nicht voraussehen!“ sprach Lande und ergriff ihre Hände.
Ssonja preßte stark die Zähne zusammen, so daß die dünnen Backenknochen auf ihrem gespensterhaften Gesichtchen stark vortraten, und ein Gefühl unschöner Freude leuchtete in ihren Äuglein auf. „Sie sind nicht schuldig!“ sagte sie fest und entschlossen, und fügte mit bösem Triumph hinzu: „Alle sind sie Tiere, Bestien ... sie ist auch ein solches Geschöpf!“