„So! ... Und was schreibt er?“

„Lies ihn selbst — ich kann es dir nicht erzählen.“

Der kleine Student las lange aufmerksam den Brief. „Ja, der arme Junge!“ seufzte er, als er zu Ende kam. Er faltete beide Hände, die aus den kurzen Ärmeln der Jacke hervorstachen, zwischen den Knieen und rieb sie aneinander, als fröre ihn.

„Ich will zu ihm fahren!“ sagte Lande.

„Wozu?“ fragte Schischmarjow ernst und aufmerksam. Seine scharfe Stimme drang Lande wie ein feines hartes Messer ins Herz. „Was kannst du dort ausrichten?“ wiederholte Schischmarjow, da Lande mit der Antwort zögerte.

„Ich weiß nicht, was ich tun kann ... Ich habe nur ein solch Gefühl, daß ich fahren muß.“

Schischmarjow fühlte sich schon seit langem Lande entfremdet, dessen Sanftmut dem kleinen Studenten nur Ohnmacht, Unfähigkeit zu kämpfen schien. Manchmal erkannte er dahinter noch etwas, das in ihm Überraschung und Staunen hervorrief; aber er dachte darüber nicht weiter nach, sondern betrachtete es mit absichtlich gleichgültigen Augen, wie alles, was nicht klar und einfach vor seinem scharfen, schroffen Denken lag.

Jetzt sah er Lande mit ernstem Blick ins Gesicht, vergrub die breiten Hände noch tiefer zwischen den Knieen und erwiderte: „Ich verstehe das nicht. Du betonst dieses Gefühl so kraß, als steckte etwas Mystisches darin. Nach meiner Meinung wirst du mit deiner Gegenwart absolut nichts helfen können. Wirst nur dich selbst und ihn abquälen ... Laß es lieber ... wozu denn?“

„Du sagst, wozu? ...“ erwiderte nachdenklich Lande. „Schon in dieser Frage ist ein Gedanke enthalten, der die Menschen zugrunde richtet ... Man darf nicht fragen. Man muß handeln, wie man empfindet. Das ist höher als wir: indem wir unser Maß anlegen, verkrüppeln wir nur die Seele!“

Schischmarjow zuckte die Achseln ohne die Hände aus ihrer Lage zu befreien. „Was willst du mit deiner Seele!“ erwiderte er ärgerlich. „Laß sie gefälligst in Ruhe ... Es muß doch ein für allemal irgend ein Unterscheidungsvermögen für Handlungen geben ... Wenn du hinfahren willst, so mußt du dir doch erst klar machen, welchen Nutzen es haben kann.“