Er hatte ein Gefühl, als hätte sich durch seine spröde, zähe Seele eine tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der unendlichen Ferne seines zukünftigen Lebens verlor.

XXIII

Des Nachts, im Anfang des Herbstes, als die Luft schon dünn und kalt wurde, ging Lande still aus dem Haus. Er war in eine schwarze, alte Sutane, die er einem Mönch abgekauft hatte, gekleidet und trug einen Sack auf dem Rücken. So wird es leichter und einfacher zu gehen sein, dachte er.

Still und leer war es in der ganzen Stadt. Den Himmel verdeckte eine undurchdringliche Hülle weißer Wolken. Kein Mond, keine Sterne waren zu sehen. Langsam traten die schwarzen Häuser mit ihren abgeschlossenen blinden Fenstern und kalte Bäume, an die sich schwarze Finsternis klebte, zurück. Bald war Lande ins Feld hinausgekommen. Der Wind riß die Schöße seiner Sutane auf und lärmte in seinen Ohren, gedehnt und schwermütig. Leer, weit und kalt lag das endlose Feld vor ihm. Die Wolken zogen hier, wie es schien, noch ferner, noch höher vorbei. Auf den dunkeln Hügeln wiegte sich dürres Gras. Die ungeheuer breite Empfindung des freien Raumes füllte Landes Brust, und eigentümlich gleichzeitig mit ihr schien das deutliche Bewußtsein zu kommen, daß er Jalta niemals erreichen wird. Doch ohne Schwanken, ohne Gram und Verzweiflung trat ihm diese Ahnung in die Seele; ihm wurde im Gegenteil leicht und frei zumute, als ob er gerade dadurch auf den richtigen Weg, der ihn nun endlich zum Ziele führt, geraten wäre; sein Herz zog sich wie im Vorgefühl einer hellen Freude leicht zusammen.

Es war aber nur eine Ahnung, kein klarer Gedanke. In seinen Gedanken stand einzig das Bild des kranken, leidenden Menschen, zu dem er ging; über das, was aus ihm wurde, dachte er nicht nach. Leichten, elastischen Schrittes, als ob die Erde selbst seine Füße von sich schnellte, ging er die breite, weite Landstraße entlang, sah sich freudig und verwundert um und lauschte entzückt auf jeden Laut, den ihm der öde Wind, der traurig die Straße entlang zog, aus der Steppe hertrug.

Der Morgen kam, dann der Tag, dann wieder die Nacht und ein neuer Morgen. Fünf Tage lang ging Lande durch Dörfer und nächtigte bei Bauern, die ihn mißtrauisch anblickten und ihn nur unwillig einließen. Nur wenige sprachen mit ihm, weil nur wenige ihn zu verstehen vermochten, obgleich er alle klar und einfach anredete. Alte Bäuerinnen fragten ihn aus, die welke Backe in die Hand gestützt, fragten, woher er komme und ob er nicht vom Kloster des Hl. Seraphim komme; die Bauern aber warfen ihm nur Seitenblicke zu, und blieben stumm. Am fünften Tag schrie ihn ein vierschrötiger schwarzer Bauer mit schwarzem, wie mit einem Beil zurechtgehauenen Bart und bösen Augen, grob an. „Geh nur weiter, los, sonst, es ist nicht weit bis zum Gendarmen ... Da schleicht hier so manch einer herum!“

Ein so unfreundlicher, unverständiger, fremder Zug lag in dem allen, daß es Lande schrecklich bemitleidenswert schien. Mit weit geöffneten, neugierigen Augen sah er auf das Dorfleben, aber es glitt ebenso absonderlich, lebensarm und reich an ihm vorbei, wie die Bilder der großen, bunten Rinderherden, die ihm ihre starken, gehörnten Köpfe zuwandten und ihn mit rätselhaften, großen Augen begleiteten, wenn er an ihnen vorbeiging. Mit Liebe und Rührung betrachtete Lande diese Menschen, die Rindern glichen, und die Rinder, die wie eigenartige, sonderbare Menschen aussahen; aber er fühlte, daß er ihnen fern, überflüssig, fremd war. Ihm wurde schwer zumute; ihn überkam der schwärmerische Wunsch, mit seinem Blick irgendwo in der Weite einzudringen. Aber der Blick blieb stumpf und kraftlos. Nur wenn die Steppe ganz frei dalag, und die Sonne scheinbar nur für ihn allein in der unermeßlichen Welt leuchtete, war es Lande froh ums Herz. Doch das war nur selten; denn auf allen Seiten machten Menschen, zahllos wie die Ameisen, sich mit irgend etwas zu schaffen.