Zwischen dem dunklen Himmel und dem Meer schwebte der Schein des Mondes. Rund und klar stand er, gleichmäßig wie ein Rauchschleier, über dem Horizont. In den Ästen der Gartenbäume schwankten und hüpften kleine bunte Lampions, als wären sie ein Schwarm feuriger Kolibris, an unsichtbaren Drahtfäden auf und nieder. Von der sinnlos beleuchteten Bühne her, wo ein schwarzgekleideter Kapellmeister komisch wie ein Hampelmann Arme und Frackschwänze herumschleuderte, als ob er in jedem Augenblick davonfliegen wollte, wirbelten festgeprägte Geigentöne nach allen Seiten, sprangen auf, lachten, sangen, und flogen in leichtem kapriziösem Reigen durch die dunklen Bäume zum offenen, lichtbegossenen Seestrand hinaus. Dort tanzten sie vor den Blicken des hellen Mondes, unsichtbar und unbestimmbar in ihrem gespensterhaften Augenblicksleben.

Seine kraftvollen Arme auf dem kalten Marmor des Tischchens verschränkt, blickte Mishujew in finsterem Schweigen zur Seite. Sah er auf die Bühne, schien ihm seine Umgebung voll sinnlosen Lärms und kleinlicher Hast, wenn er sich aber dem Meer zuwendete, dann war alles majestätisch-ruhig und nachdenklich-frei, wie der hohe helle Mond selbst.

Sein welliger, blonder Bart und die massigen Schultern erweckten die Vorstellung schwerer Kraft und harter Willensstärke, aber seine Augen waren ungesund, eingefallen, als wenn sie den Tod in sich trugen.

Am benachbarten Tisch zechte eine kleine Gesellschaft: die Herren mit Hüten, welche unternehmend auf den Seiten eingeknickt waren und reizvolle Frauen mit auffallend schönen Gesichtern und unnatürlich blaugeschminkten Augenlidern. Man lachte sehr laut, stieß gegenseitig mit wespenschlanken Kelchen an und witzelte ohne Unterlaß. Bei jedem Scherz erhoben sie ihre Stimmen und schauten sich nach Mishujew um, wobei sie unwillkürlich ein glänzendes, erwartungsvoll suchendes Aussehen annahmen. In der Nähe standen vornübergebeugt die Kellner, hielten zärtlich ihre weißen Servietten unter dem Arm und wandten kein Auge von Mishujew ab, als wären sie bereit, sich auf seinen ersten Wink kopfüber ins Meer zu stürzen.

Mishujew sah alles das und bemerkte doch nichts. Früher hatte es ihn zuweilen noch amüsiert, jetzt war es ihm nur zu ärgerlicher Gewohnheit geworden, wie die Luft, von der man sich niemals trennen kann und die man dabei selten notwendig hat.

„Theodor, warum siehst du heute so verärgert aus?“ fragte ihn Maria Sergejewna, während sie mit den Fingern schüchtern über seinen gespannten Ellbogen fuhr.

Sie trug ein herausfordernd schönes Kleid, das ihre Füße nur ganz wenig freiließ. Auf ihrem dunklen üppigen Haar schwankten die zarten Blumen ihres Hutes, die traurig zu den angeschminkten Wangen, den müde flimmernden Augen und den leidenschaftlich roten Lippen paßten.

Schwerfällig wie ein kranker Bulle schob ihr Mishujew seinen breiten Kopf entgegen, blieb aber stumm.

Sie war noch immer so erregend schön, wie ehemals, und ebenso leuchtete noch ihr ungewöhnlich gepflegter Körper durch die schwarzen Spitzen. Bei ihrem Anblick überkam alle Männer die drängende Vorstellung von irgend welchen unmöglichen, märchenhaften Genüssen. Doch in Mishujew war durch die einfache Tatsache, daß sie ihren eigentlichen Namen — Maria Sergejewna — verloren hatte und jetzt Mary hieß, und daß sie ihn nicht mehr „Fedja“ und „Sie“ nannte, sondern mit „Theodor“ und „Du“ anzusprechen begann, daß sie ihren Mann verließ, um mit ihm zusammenzuleben, — durch dies alles war in ihm die ehrfurchtsvolle Leidenschaft, die er für sie noch bis in die letzte Zeit empfand, ertötet worden. Von Zeit zu Zeit schlug kalter, unerklärlicher Widerwillen in ihm hoch.

Selbst wenn Mishujew ihren nackten unterwürfigen Körper, der schüchterne Liebkosungen heischte, mit bestialischer Gier zerquetschte und küßte, hatte er nicht mehr das einstige Gefühl der Lust, sondern nur ein schales, grausames Vergnügen, unnatürliche Lagen, die ihr Schmerzen, Erniedrigungen brachten, zu erfinden.