... Wie dem auch sei, er fürchtete sich wenigstens nicht, diese arme Emma in Schutz zu nehmen ...
Es war spät geworden. Man hatte schon über die Maßen getrunken, zur Genüge geschrien und gelacht. Die Müdigkeit zeigte sich in der unruhigen Aufregung. Emma wurde sehr rot und war stark verschwitzt. Ein erregender Geruch ergoß sich von ihr, Parfüms und Puder. Die glatte, weiche Haut auf den Schultern und der Brust schien feuchtglänzend und lockte an. Sie selbst begann ebenfalls das Sehnen der Erwartung zu empfinden. Ihre Augen, gelb wie die einer Katze, wurden feucht und schamlos. Sie setzte sich den Männern auf den Schoß, tanzte Matshiche, kniff in die Arme, schmiegte sich mit den nackten Schultern an die Lippen. Die Männer wurden allmählich toll. Nur Mishujew und Podgurski, der unbeirrt seinen Likör trank, blieben auf ihren Plätzen. Die anderen drängten sich an sie heran, man konnte sehen, daß sie sehr bald einem von ihnen als Beute für die zügelloseste, unverhüllteste Leidenschaft zufallen würde.
Alle empfanden klar die Nähe des Augenblicks, in dem das jetzt noch verhüllte Weib durch einen von ihnen entkleidet würde; das Bewußtsein, daß dieses Weib dazu bereit war, und die Begierde, der erste zu sein, erregte die Männer so stark, daß ihre Beine zu zittern begannen.
Opalow konnte kaum sitzen bleiben. Er bückte sich tief zu ihr hinab, so daß er den erregenden Geruch ihrer Achseln aufsaugen konnte; er war blaß wie ein Kranker. Er wußte, daß sie einem andern und nicht ihm zufallen würde, aber eine kleine, lüsterne Hoffnung verließ ihn nicht.
„Sie sind wahrhaft schön ... Einen solchen Bogen der Augenbrauen, solche Nackenlinie, wie die Ihre, habe ich immer im Traum gesehen. Oh, wenn der Traum zur Wirklichkeit würde!“ sprach er leise, und durch das gemacht ritterliche Bestreben, ihr zu zeigen, daß er sie „trotz allem“ achtete, klang armselig und elend der Wunsch heraus: gib dich mir hin! so tue es doch! ... Für dich hat es ja nichts zu sagen, dich einmal so — einfach — hinzugeben ... mir allein! ... Gib dich mir hin!
Durch den Lärm und das Geschrei hörte Mishujew sein bebendes Flüstern. Offensichtlich gefiel Opalow dem Weib, aber obgleich sie lachte und ihn durch augenblickliche Berührung ihrer nackten Arme und glühenden Beine in Erregung brachte, verfolgten ihre Katzenaugen unablässig Parchomenko und den Börsianer. Mishujew blickte sie traurig an; sie war ihm ebenso zuwider wie die Männer: ihren kräftigen weiblichen Körper zog es ganz deutlich zu Opalow hin, und ihr Zusammensein wäre, trotzdem sie schon lange Kokotte war, sicher licht und kraftvoll gewesen. Und doch hatte sie nicht den Mut, ihrem Verlangen nachzugeben; sie wartete wie eine Sklavin, bis jemandem beliebte, sie en passant zu sich zu nehmen und durch seine gleichgültige Gier zu besudeln.
Die elenden, elenden Menschen! dachte Mishujew, aus irgend einem Grunde fühlte er in diesem Augenblick sich selbst als Elendesten und Einsamsten.
„Sie wissen, in meiner Novelle ‚Feuer‘ habe ich eine Frau geschildert, die Ihnen ähnlich ist ...“ flüsterte Opalow, während sich sein Gesicht mit roten Flecken bedeckte.
„Spucken Sie nur gleich darauf, mein Lieber,“ fiel ihm plötzlich Podgurski ins Wort, „nichts, aber gar nichts werden sie davon haben. Dies Gericht ist nicht für uns beide!“
Opalow zitterte und wurde verwirrt, als wäre er ertappt worden. Seine Aufregung war augenblicklich verschwunden, aber um das peinliche Gefühl zu verbergen, versuchte er, einen unverfrorenen Ton anzuschlagen: