Das Fest schimmerte voller Leben, in sorgloser Fröhlichkeit; nur Mishujew kam es vor, als wäre er in dieser festlichen Menge einzig ein düsterer Fleck, ein Siegeldruck der Einsamkeit und Nutzlosigkeit.

An diesem Tage war Maria Sergejewna, die in einem neuen blauen Kleid besonders reizend aussah, wieder in Gesellschaft Parchomenkos ausgefahren. Den ganzen Tag hindurch fühlte Mishujew, wie trübe Unruhe gleich einem schwarzen Schatten über ihm hing. In der letzten Zeit wurde die junge Frau etwas zu interessant und lustig; Mishujew wußte, daß Parchomenko hinter seinem Rücken mit unablässiger Beharrlichkeit hinter ihr her war. Er konnte sich leicht vorstellen, wie geschickt, frech und selbstsicher Parchomenko sein schmutziges Spiel treiben und die Kreise immer enger ziehen würde. Die junge Frau aber war von den ununterbrochenen Freuden des neuen Lebens, in dem sie, nach so vielen Jahren der Dürftigkeit und Langweile, wie in einem plötzlich aufgewirbelten Strudel umhergeschleudert wurde, hingerissen und tanzte gar zu sorgenlos den gefährlichen Tanz über dem Abgrund. Selbst ihre Kostüme, in denen sie die Bescheidenheit einer anständigen Frau sehr geschickt mit pikanten Andeutungen auf die Entblößungen einer Kokotte vereinigte, sprachen deutlich für die taumelnde Erregung, die die allgemeine Jagd nach ihrem Körper, der in voller Pracht geschmückt und aufgeblüht war, hervorrief.

Sie selbst dachte wohl kaum darüber nach, aber Mishujew wußte, daß es in solchem Zustand nur irgend eines Zufalls bedurfte — einer Mondnacht, einer kecken Zudringlichkeit, eines nicht erwarteten, leichtsinnigen Kusses, — und die junge Frau würde erst wieder zur Besinnung kommen, wenn alles zu Ende war.

Mishujew schien die Vorstellung sinnlos und unsäglich schmerzlich, daß sich Maria Sergejewna einem Manne hingeben könnte, für den sie nichts als ein gelungenes Werkzeug zur Aufpeitschung seiner übermüdeten Sinne bedeutete. Das war zu ekelhaft und paßte durchaus nicht zu ihrem reizenden Bilde. Manchmal hielt er einen solchen platten Vorgang für ganz undenkbar. Sie war schön, klug, gebildet und hatte zwei Männer geliebt, die über dem Durchschnitt standen. Nach ihnen konnte ein Verhältnis mit diesem Halbtier, diesem Halbidioten, diesem Parchomenko, nur eine unbegreifliche Gemeinheit sein.

Aber manchmal kam ihm der qualvolle Gedanke:

Wodurch bin ich denn besser als er? ... Gut, zugegeben, ich sei intelligenter und feinfühliger. Aber gab ich ihr denn, als ich mich mit ihr vereinigte, meine Intelligenz und meine Qualen, und nicht nur die gleiche tierische Lüsternheit? Als wäre für mich nicht im letzten Grunde wirklich nur ihre Seele und nicht ihr schöner nackter Körper Bedürfnis gewesen. Und Parchomenko? ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß er fähig wäre oder es auch nur wagte, eine Frau zu besitzen, die unendlich höher steht als er. Aber ich selbst — dort war es, im Garten — quälte diese unglückliche Emma, tötete in ihr den letzten Rest menschlicher Würde, zerfleischte sie wie ein Tier, ohne mich im geringsten darum zu kümmern, was sie im Augenblick gerade denken und fühlen mochte. Wenn ich sogar gewußt hätte, daß sie ein viel feineres Gedanken- und Gefühlsleben besitzt als ich, würde ich es dann anders gemacht haben? ... So wird auch dieser ... Wenn sie, durch Zufall oder Gewalt die Seine wird, so wird er ihren Körper wie jeden anderen an sich pressen, und die Tatsache, daß sie höher steht als er, wird seinen Genuß höchstens noch steigern.

Einst hatte sie ihren Gatten lieb, der doch unendlich intelligenter und feiner veranlagt war als ich; dann gab sie sich mir hin, weil ich ihr Luxus und Vergnügen verschaffte. Ich habe sie durch die Aussicht auf ein neues Leben fortgerissen, Parchomenko erreicht dasselbe durch seine Frechheit, seinen Despotismus, ... durch irgend etwas sonst noch ... Zu mir war sie ohne Liebe gekommen, nur weil ich reich bin ... sie kam wie das gemeinste Frauenzimmer, ja, es war noch schlimmer, weil sie ihre Verkäuflichkeit hinter einer angeblichen Liebschaft versteckte ... Diese Gemeinheit!

Es war schmerzlich, daran zu denken; so schmerzlich, als ob er sich selbst durch ihre Erniedrigung in den Schmutz trat. Und doch lag in diesen zusammenhanglosen, erdrückenden Visionen ein bohrender Genuß, als träufelte er sich ätzendes Gift auf eine blutende Wunde.

Mishujew schlenderte durch die Menge, die sich von allen Seiten drängte und ihn mit dem Duft von Parfüms und weiblichen Körpern, mit dem Knistern seidener Röcke, umwehte. Er ging langsam vorwärts, blickte mit achtlosen Augen auf seine Füße, und seine kranke Seele stieß sich in dem erfolglosen Streben nach etwas wund, was er sich selbst nicht nennen konnte.

In einer Allee begegnete er dem alten General und seiner Tochter, der kleinen Njurotschka, die so silberhell lachte, den Kopf zurückwarf und dabei das niedliche Kinn zeigte. Sie sah Mishujew schon von weitem, wurde still und warf ihm einen komischen Seitenblick, in dem eine unbewußte, schüchterne Aufforderung lag, zu. Ein erfrischender Zug wehte Mishujew aus diesem blutjungen, reinen Gesichtchen entgegen; doch er zog sich in sich zusammen, lüftete schwer den Hut und ging weiter.