Sie umarmte und küßte ihren Mann, sie trocknete mit der Hand seine nassen lieben Augen, die von Gram und Tränen entzündet waren. Das Herz sprang zwischen einer neuen farbenreichen Liebe, die ein ungekostetes herrliches Leben verhieß, und dem Zartgefühl und grenzenlosen Mitleid mit diesem weinenden Manne, der hilflos war, wie ein verlassenes Kind.
Maria Sergejewna hatte gefühlt, daß ihre Kräfte schwinden, daß die Träume von einem neuen Leben, die wie ein Märchen glänzten, verblassen und versinken. Um sich zu retten, um nicht alles beiseite zu werfen und zu bleiben, nahm sie sich zusammen und stählte ihr Herz durch eine Grausamkeit, die für sie selbst am schmerzlichsten war.
Als sie fortging und zum letzten Mal das bekannte Zimmer, die bekannte Lampe, das Bett, in dem sie das Glücklichste ihres Lebens genossen hatte, Skizzen, zu denen sie ihrem Manne einst Akt gestanden, die ihren Stolz, einen Teil ihrer Seele bildeten, die ganze vertraute Umgebung mit den Augen überflogen hatte, wurde ihr Herz von unerträglicher Qual durchschnitten. Etwas Entsetzliches heftete sich an dieses Fortgehen, aber sie nahm sich noch einmal, zum letztenmal, zusammen und ging hinaus. Und er weinte nicht mehr, rief sie nicht mehr zurück, sondern holte nur tief Atem und klammerte sich mit der Hand an ihren zurückgelassenen alten Umhang, als wenn er fürchtete, daß ihm auch dieses — das Letzte — noch genommen werden könnte. Diese eine Bewegung war furchtbar gewesen und die Erinnerung daran war nicht drückend, nicht qualvoll, sondern einfach grauenhaft, wie die an ein vollbrachtes Verbrechen.
Um dieses Grauenhafte nicht in jeder Minute vor Augen zu sehen, stürzte sich Maria Sergejewna in ein wirklich wahnwitzig leichtsinniges Leben.
Allmählich vergaß sie das Vergangene, wurde fröhlich, bekam Geschmack am Luxus, gewöhnte sich daran. Theater, Bälle, Toiletten, der Verkehr mit reichen Menschen umschwirrten sie wie ein Traum, und sie begann fast zu glauben, daß sie glücklich sei.
Nur selten, wenn sie allein blieb, hörte sie auf, in ihrer Umgebung unterzugehn, dann dachte sie daran, wie irgendwo in der Ferne, mit nagender Trübsal, ein verlassener einsamer Mensch lebte.
— — Wie geht es ihm? Was mag er jetzt tun? — dachte sie, wurde traurig, fühlte sich beschämt, und lief wieder unter Menschen, fuhr irgendwohin, lachte, kokettierte.
Jetzt aber war der Flitter wie Staub abgefallen, und klaffende Leere zeigte sich darunter. Sie wurde ratlos, und in ihrem armen Köpfchen wogte alles durcheinander, wohin gehen, was tun, an was das Herz hängen — alles war vorbei. Allein eine Maitresse war verlassen zurückgeblieben, eine Frau ohne Namen, ohne Anspruch auf Achtung. Sie hatte aufgehört, ein Mensch zu sein, und wurde zu einem Ding, einem Lappen, den man abgenutzt auf die Straße werfen konnte.
Und mit Schauer des Entsetzens fühlte sie, daß es kein Zurück mehr gab, daß sie nicht wieder so leben konnte, wie sie früher gelebt hatte. Daß sie auf einem goldenen Wege stand und ihn weiter gehen mußte. Wohin?
— — Das ist die Vergeltung, die Vergeltung ... — stammelte Maria Sergejewna mechanisch.