Zuerst hatten die Umstehenden nicht fassen können, um was es sich handele, aber gleich darauf setzte das Weinen Dubowas und Karssawinas wieder stärker ein, und auch Nowikow stürzten die Tränen aus dem Auge.
Der Pfarrer begann langsam und feierlich die Sündenvergebung zu lesen. Auf seinem gedunsenen, rührseligen Gesicht drückte sich sentimentale Teilnahme und erhabene Trauer aus. Einige Minuten vergingen. Plötzlich wurde Semionow still.
„Ausgelebt,“ murmelte der Pfarrer.
Aber im selben Augenblick versuchte Semionow langsam und mit Anstrengung die zusammengeklebten Lippen zu bewegen; sein Gesicht verzerrte sich wie zu einem Lächeln. Gleich darauf vernahmen Alle eine dumpfe, unglaublich schwache und ergreifende Stimme, die sich von irgend woher aus der Tiefe seiner Brust wie unter einem Sargdeckel hervor quetschen mußte. Und diese Stimme sagte:
„Ein kompletter Lump.“
Die Augen Semionows waren dabei starr auf den Popen gerichtet. Dann erzitterte er, riß die Augen mit dem Ausdruck eines wahnsinnigen Schreckens noch weiter auf und reckte sich. Alle hörten seine Worte, doch keiner bewegte sich. Allein von dem feucht gewordenen, geröteten Antlitz des Popen schwand in einem Augenblick der Ausdruck erhabener Trauer. Aengstlich sah er sich um, doch niemand beachtete ihn; allein Ssanin lächelte ihm interessiert zu.
Semionow bewegte sich, doch kein Laut drang hervor, und nur die eine Seite seines dünnen, hellen Schnurrbarts senkte sich. Dann streckte er sich wieder; wurde dadurch noch ausgezogener und grauenhafter. Aber plötzlich gab es keinen Laut, keine Bewegung mehr.
Jetzt weinte auch niemand. Das Nahen des Todes war furchtbarer und trauriger als sein Erscheinen. Ja, es kam ihnen jetzt sogar sonderbar vor, daß diese feierliche und qualvolle Geschichte so einfach und schnell beendet war. Sie standen noch eine Weile um das Bett und schauten in das scharf gewordene, zugespitzte Gesicht des Toten, als wenn sie noch etwas erwarteten, und bemühten sich auch, Entsetzen und Mitleid in sich hervorzurufen; mit gespannter Aufmerksamkeit sahen sie zu, wie Nowikow ihm die Augen zudrückte und seine Hände auf der Brust faltete. Dann begannen sie fortzugehen; zurückhaltend, mit den Füßen scharrend. Im Korridor brannte die Lampe, und hier sah es so gleichmäßig und gemütlich aus, daß alle befreit aufatmeten.
Voran schritt der Pope. Er machte häufige, kleine Schritte, und in dem Wunsch, bei der Jugend einen guten Eindruck hervorzurufen oder irgend eine Liebenswürdigkeit zu sagen, seufzte er tief auf und sprach weich:
„Es ist schade um den jungen Mann. Um so mehr, als er augenscheinlich als ein unbereuter ... Aber, Gottes Barmherzigkeit, nicht wahr.“