Von sadistischen Regungen ist aber in vorliegendem Roman nur ganz selten andeutungsweise die Rede, solche Regungen kommen nach dem Urteil hervorragender Sexualpsychologen häufig bei exzessiver Betätigung eines normalen Geschlechtstriebes vor, sie geben darum auch dem „Ssanin“ keineswegs ein abnormes Gepräge.
Zweiter Teil.
(Disposition nach den im Schreiben des Untersuchungsrichters vom 31. Dezember 1908 gestellten Fragen:)
1. Ueber den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans.
Der Gesamteindruck des Werkes in literarischer Hinsicht ist kein günstiger. Es fehlt der einheitliche Aufbau und die das Ganze mehr oder minder beherrschende Haupthandlung. Es sind vielmehr aneinandergereihte, innerlich wenig oder gar nicht verknüpfte Bilder, meist Gruppenbilder von Personen, die der Verfasser uns eigens vorführt, um interessante Typen aus dem russischen Gesellschaftsleben zu zeigen. So ist meines Erachtens die Bezeichnung „Roman“ nicht recht angebracht. Die Bilder sind mit starkem Realismus gezeichnet und gewähren in der Tat tiefe Einblicke in die russischen Verhältnisse, da sie sowohl das landschaftliche, das soziale und das geistige Milieu, überhaupt das Zuständliche, wie auch das individuelle Seelenleben anschaulich und eindrucksvoll schildern. Insofern kommt dem „Ssanin“ ohne Zweifel ein kulturhistorischer Wert zu. Was aber den literarischen Genuß empfindlich beeinträchtigt, ist die breite Wiedergabe zahlreicher, meist ziemlich oberflächlicher philosophischer Erörterungen und Monologe, die — im Gegensatz zum Vorwort sei dies betont — häufig nichts von Erotik enthalten. Direkt unkünstlerisch, ja unästhetisch wirkt nach meinem Geschmack die Behandlung geschlechtlicher Vorgänge — ich lasse dabei zunächst die moralische Seite außer acht. Wenn das Weib sonst in der schönen Literatur auftritt, selbst da, wo ihm eine im ganzen erniedrigende Rolle zugewiesen wird — ich erinnere nur an Sudermanns neuesten Roman „Das hohe Lied“ — so trägt seine Erscheinung doch wenigstens stellenweise das Gepräge echter Schönheit und Weiblichkeit im edlen Sinne. Das fehlt hier bei Artzibaschew ganz. Stets ist nur vom Weib in rein physischer Beziehung, ich möchte sagen, in zynischer Nacktheit, die Rede, von seinen Schenkeln, Brüsten, dem Rücken usw. — sei es in der Phantasie des Mannes oder in Wirklichkeit. Und selbst der Bruder tritt der Schwester mit solchen Empfindungen gegenüber, diese einseitige Auffassung und Vorstellung des Verfassers hat literarisch einen schweren, meines Erachtens seine ganze künstlerische Qualität in Frage stellenden Mangel zur Folge, nämlich die Unfähigkeit zum Differenzieren, was gerade bei einem so schwierigen Problem, wie dem des Weibes und des Sexuallebens, besonders schwer ins Gewicht fällt. Darunter leidet namentlich auch seine Charakterschilderung der Männer in ihrem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Man hat das Gefühl, wie wenn alle diese Männer das Weib durch genau die gleiche Brille besehen, gleich begehrlich, gleichweit entfernt von jeder noch so bescheidenen Würdigung des weiblichen Charakters als etwas nicht rein Sinnlichen, Animalischen.
Nun mag vielleicht seine Grundauffassung vom Weib seitens des Mannes in Rußland typisch sein — ich kann mir das zwar nicht recht vorstellen, daß in der Heimat der Frauenemanzipation und des weiblichen Studententums die Frau keine andere Stellung gegenüber dem Manne sich zu erringen vermochte und stehe diesem „Typus“ des russischen Gesellschaftslebens skeptisch gegenüber — künstlerisch ist sie gewiß nicht. Die Verwickelungen, die das Buch enthält, stehen zum Teil auf sehr schwachen Füßen, oft spielen Zufälligkeiten, die keinerlei logischen und psychologischen Zusammenhang mit dem sonstigen Verlauf der Dinge haben (Karssawina und Ssanin im intimen Verkehr) eine ausschlaggebende Rolle, und Lösungen (wie der Selbstmord Juriis) der Konflikte treten mitunter ganz plötzlich und unmotiviert ein.
So darf denn meines Erachtens der literarische Wert des Buches trotz mancher anerkennenswerter Lichtseiten im ganzen nicht hoch angeschlagen werden. Schwerwiegende Mängel treten zu sehr in den Vordergrund, als daß der Gesamteindruck ein erfreulicher genannt werden könnte.
2. Ueber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen.
Wissenschaftlich, d. h. in der Absicht, unser Wissen über das menschliche Liebesleben irgendwie zu fördern, hat der Verfasser erotische Fragen sicher nicht behandelt. Nicht ein höherer Zweck, wie ihn das wissenschaftliche Streben im Auge hat, sondern einfach die Absicht, Zustände und Anschauungen wie sie sind, darzustellen, hat dem Verfasser die Feder geführt. Dann kann ich — unbeschadet meiner späteren Ausführungen unter Nr. 4 — gleich hier beifügen, daß dem Verfasser nach meiner Meinung auch kein verwerflicher Nebenzweck, etwa absichtlichen Sinnenreizes bei Darstellung geschlechtlicher Vorgänge, vorgeschwebt hat.
3. Ueber die Güte der Uebersetzung.