Statt daß der Leser mit einem auf das Große gerichteten Interesse eine realistische, meines Erachtens überhaupt kaum tendenziös gefärbte Schilderung der Verhältnisse und Zustände in der russischen Gesellschaft hinnimmt, muß er sich im Vorwort suggerieren lassen, daß es sich hier um „das Neue“ handelt, das man sucht, er muß sich sagen lassen, daß es sich hier — ausgerechnet in diesem Buch — um die Veränderung einer gesamten Anschauung von Grund aus handle, er hört — und das wird vielen aus gesellschaftlichen Gründen verkappten Anhängern der „freien Liebe“ willkommen sein, — daß die Ssaninisten, „endlich die leidige Konspirativität, die traditionelle Geheimniskrämerei beiseite werfen können“, daß die Erotomanie — frei von gesellschaftlichen Vorurteilen eben wegen jener fundamentalen Umwälzung der Gesellschaftsanschauungen, nun stolz das Haupt erheben darf — nur soll sie es nicht so laut und lärmend machen, wie die Ssaninisten, sondern mit „behutsamem Stolz.“ Diese Ausführungen des Vorworts stehen, wie bereits angedeutet, in völligem Widerspruch 1. mit den Tatsachen der Wirklichkeit wie 2. mit dem Inhalt des Romans und involvieren eine Tendenz, die meines Erachtens mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen ist, denn sie machen erst den Roman zu einem sittlich minderwertigen Literaturprodukt, das er, an sich betrachtet, nicht ist.
Fürs erste (Widerspruch mit den Tatsachen) mögen einige wenige Hinweise genügen. Aus eigener Kenntnis und auf speziell eingezogene Erkundigungen weiß ich, daß sich bei russischen und polnischen Studenten, die bei uns auf deutschen Hochschulen weilen, das weitaus größte Interesse in der Betätigung erotischer Neigungen erschöpft — ein besonders grasser Fall ist erst unlängst in Karlsruhe vorgekommen, der mit Mord und Selbstmord endete. Und beim russischen Militär, insbesondere beim Offizierskorps, ist eine ähnliche oder noch niedrigere Stellung des Weibes, wie sie ihm in diesem Roman der Offizier Sarudin zuweist, wahrlich schon längst traditionell geworden. Ich kann dafür Belege aus unserem hiesigen industriellen Leben beibringen, die ich mir für diesen Zweck aus authentischen Quellen verschafft habe.
Eine einzige hiesige Firma hat zusammen mit ihrem Pariser Hause während des russisch-japanischen Krieges Bijouterie für Damen nach Ostasien, speziell an ihr eigenes dafür errichtetes Geschäftshaus in Charbin im Betrag von 4-5 Mill. Frcs. geliefert — für die mit der russischen Armee ausgerückten Scharen von Halbweltdamen. Nach Beendigung des Krieges mußte das Importhaus dieser Firma in Charbin wieder ganz aufhören, und der Vertreter einer anderen hiesigen Bijouteriefirma, der persönlich monatelang auf dem Kriegsschauplatz war, kann grauenhafte Dinge von der Erotik im russischen Lager erzählen, der man ja wohl mit Recht einen großen Teil der Schuld gibt an der Niederlage der Russen.
Daß solche Anschauungen bei russischen Studenten, wie bei russischen Offizieren herrschten, wußte man im Grunde genommen bei uns und überall; man stieß sich nicht einmal daran, man nahm das eben als „russisch“ hin, als Ausdruck der Korruption gewisser Kreise, mit denen wir sonst keine Gemeinschaft suchen.
Wenn aber, wie das im Vorwort geschieht, diese speziell „slavische Schweinerei“ — so hört man sie wohl gelegentlich bei uns nennen — auf eine allgemein menschliche Basis gestellt wird, wenn damit eine Passivität gegenüber aller Auflehnung gegen die staatliche Ordnung, namentlich aber die Befriedigung eines persönlichen Freiheitsdranges („Ich lebe für mich“ [Seite 12]), verknüpft wird, so liegt darin meines Erachtens eine schwere Gefahr, zugleich aber auch eine ungeheuere Anmaßung der Träger jener zersetzenden Weltanschauung, die die Kraft der slavischen Rasse so verhängnisvoll untergraben hat, die auch erschreckend am Mark der romanischen Völker nagt und auch in unserem Volk, besonders durch die herrschenden Richtungen in der Literatur, immer mehr Boden gewinnt. Es ist wohl kein Zufall, daß sich ein Franzose — als solchen darf ich wohl Herrn A. Villard, den Verfasser des Vorworts, vermuten — so lebhaft zum Propheten des neuen Evangeliums der freien Liebe aufwirft.
Wenn in der Tat das Buch als Ausdruck einer längst vorhandenen Stimmung „dessen was in der Jugend schon seit Jahren gärte —“ so korrigiert Kurt Aram in der „Frankfurter Zeitung“ das Vorwort — („Frkf. Ztg.“ 1908, 16. September, Abendblatt), nicht als Ausgang einer neuen Bewegung — auch nur annähernd die Wirkung in Rußland hervorrief, die die Vorrede andeutet — ich kann das mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht genügend beurteilen, habe aber Nachforschungen in Rußland selbst angestellt, über die literarischen Wirkungen des Buches, deren Ergebnis ich nachzutragen hoffe —, wenn diese Wirkungen tatsächlich hervorgerufen wurden, dann ist bei der Sensationssucht, mit der unsere Presse sowohl wie nicht selten auch aus rein geschäftlichen Gründen unser Buchhandel spekuliert (vgl. den Fall Ganter), nicht ausgeschlossen, daß auch bei uns das Buch eine Mission erfüllt — von erschreckender Wirkung. Denn die Faktoren, die einem Buch — ohne Rücksicht auf seinen Inhalt und wirklichen Wert — einen Riesenerfolg bereiten, sind vollkommen unberechenbar, wie die Schicksale mancher literarischer Produkte der jüngsten Zeit beweisen.
Die reklamehaften Behauptungen des Vorworts stehen aber zweitens auch im Widerspruch mit dem Roman und seinem Inhalt selbst. Aus der überschwenglichen Art, wie hier im Vorwort gerade die erotische Seite des „Ssanin“ dargestellt wird, möchte ich fast den Schluß ziehen, daß die erotischen Momente, die im Roman selbst für das ins Auge gefaßte Publikum zu nüchtern behandelt sind, im Vorwort zum Zweck größeren Erfolgs aufgebauscht, ja direkt in falsches Licht der Beurteilung gerückt werden.
Sonst könnte Villard nicht von „Veränderungen der gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus“ sprechen, er könnte auch nicht sprechen vom Beiseitewerfen der traditionellen Geheimniskrämerei in solchen Dingen. Die beiden praktischen Vertreter der freien Liebe im „Ssanin“ sind genau so befangen in den konventionellen Schranken und genau so ehrbar nach außen, wie solche Leute bei uns zu sein pflegen. Ja, wenn sie noch die Schranken durchbrächen und in ihrer „neuen Weltanschauung“ sich vor die breite Oeffentlichkeit stellten, das denkt und wünscht sich offenbar der Uebersetzer, der Autor ist ganz anderer Meinung.
Zunächst konnte der im Vorwort besprochene Zusammenhang zwischen dem Sexualleben und der russischen Revolution einem, der von sexuellen Erregungen, von besonderen seelischen Schwingungen bei derartigen sozialen Erschütterungen gehört hat, einleuchtend erscheinen, zumal, wenn es sich um solche Erscheinungen während der Revolution handelt, von denen Villard ([S. 11]) andeutungsweise spricht. Der Hinweis auf die Anarchisten mit ihrem Terrorismus, die Villard als die Pfadfinder Ssanins und der Ssaninisten bezeichnet, erinnert daran, daß in den Kreisen der Anarchisten in der Tat auch „ein sexueller Rausch“ herrschte, freilich ganz anderer Art, als der von Villard angedeutete, — Anmerkung: Die von Villard geradezu als vorbildlich für die russische Intelligenz hingestellte Betätigung der freien Liebe, seitens der terroristischen Anarchisten, ist bekanntlich eine propagandistische Forderung des Anarchismus überhaupt, — nämlich eine pathologische Ausprägung des Sexuallebens, der Sadismus.
Ueber diesen sagt Forel (Die sexuelle Frage, S. 239) in Uebereinstimmung mit Lombroso, daß „durch Kampf und Schlacht und die vom Krieg entfesselte Mordlust aufgeregte Soldaten zu viehischen sexuellen, wollüstigen Exzessen geführt werden.“ Ein erschütternder, sinnverwirrender Beleg dafür findet sich speziell mit Bezug auf die russische Revolution bei Bloch (Das Sexualleben unserer Zeit, 2. und 3. Aufl., S. 646 ff.) mitgeteilt von Magnus Hirschfeld: „Ein Beitrag zur Psychologie der russischen Revolution“ (Entwicklungsgeschichte eines algotagnistischen Revolutionärs, von diesem selbst verfaßt).