Auf [Seite 8] heißt es: „Selbst wenn er (Ssanin) nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den „Ssanin“ als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.“

Welche starke Uebertreibung in diesem Lobpreis der künstlerischen Qualitäten des Buches liegt, wird im zweiten Teil zu beweisen sein.

„Die kulturhistorischen Gründe“, die Ssanin als den charakteristischen Niederschlag der ganzen jetzigen Epoche in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen sollen, sind keineswegs so besonderer, eigentümlicher Art. Vielmehr lassen sich gerade die Prinzipien der freien Liebe und ihre Betätigung längst vor der Revolution, so gut wie in der Revolution und nach ihr, als in breiten Kreisen der russischen Intelligenz vorhanden, nachweisen (s. u.). Durch diese Einreihung an hervorragender, kulturhistorischer Stelle sollte nur dem Buch, das eine realistische Schilderung tatsächlicher, keineswegs neuer Zustände bietet, eine interessante Folie gegeben werden.

Auf [Seite 9] heißt es: „Interessanter ist die Feststellung, wie es überhaupt dazu kam, daß ein ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und daß ein einziges Werk — eben der Roman Ssanin — genügt, um sie hervorzurufen, und sie mit seinem Namen zu decken. — — —

Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht — wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt ... Einst beschränkte sie sich auf den Adel, — heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe — die Intelligenz.“

„Ein ganzes Volk“ — bedeutet doch etwas anderes — auch für Rußland —, als wie wenige Zeilen weiter unten gesagt ist mit der Bezeichnung „russische Gesellschaft“. Denn abgesehen davon, daß selbst diese Kreise der Intelligenz keineswegs ein irgendwie einheitliches Gepräge tragen, kommen doch für jedwede Beobachtung des russischen Lebens in seiner Gesamtheit die Millionen von Angehörigen anderer sozialer Schichten in Betracht, die selbst in ihrer Stagnation und Hemmung eine Macht bilden, wie die Bauern, wenn sie nicht, wie die sozialistischen Kreise der Städtebevölkerung eine aktive Rolle spielen.

Doch selbst diese Beschränkung des Begriffs „russisches Volk“ zugegeben, — heißt es nicht die Tatsachen vergewaltigen, wenn man 1. die ganze russische Gesellschaft „für ihre Gesamtäußerungen nur noch erotische Beziehungen finden läßt“, das lehrt uns ja der Roman mit seinen zahlreichen Personen ganz und gar nicht — und 2. „mit einem Mal“ und zwar „durch ein einziges Werk“ so etwas hervorgerufen sehen will? Die erste kühne Bemerkung muß jeden auf die Lektüre des Buches äußerst gespannt machen. Denn selbst die Rolle der Erotik im Siecle de Louis XIV. oder im Zeitalter der französischen Revolution, die dem Geschichtskenner denkbar wichtig und tiefgehend erscheint, muß weit zurücktreten, gegenüber einer so absolut allgemein gewordenen Lebens- und Weltanschauung, wie sie uns hier verkündigt wird. Wohl folgen auf Perioden ungeheuren Aufschwungs des Gemeinsinns und der Opferwilligkeit, kurz der praktisch betätigten Begeisterung für hohe Ideale, wie sie der russischen Revolutionsbewegung ohne Zweifel zugrunde lagen, solche des Gegenteils, sei es stumpfer Apathie oder krassen Egoismus. Und gerade der slavische Rassencharakter neigt mehr als ein anderer besonders stark zu solchen Widersprüchen. Aber daß eine große Volksbewegung die im Zug der Zeit liegt und sich wohl vorübergehend — aus inneren sozialen, kulturellen und nicht zum wenigsten religiösen Gründen — unterdrücken, niemals aber mehr ganz ausrotten läßt, eine Bewegung, die bei allem Terrorismus so gut wie einstens die französische Revolution vom Idealismus getragen war, sich ganz und gar auf den Standpunkt des Zynismus zurückwerfen läßt — durch ein einziges „Buch der Contre-Revolution“, das zu behaupten ist eine Ungeheuerlichkeit. Aber es klingt äußerst pikant, wenn gesagt wird: „Nichts hat in Rußland die sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war, so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen Suggestion.“

Der Uebersetzer Villard, der solche Ungeheuerlichkeiten als Kenner der russischen Verhältnisse, der er sein will, im Vorwort geschrieben hat, kann nicht als so naiv erscheinen, daß er sich dessen nicht bewußt gewesen wäre. Ich sehe in seinem Vorwort, das von Widersprüchen mit feststehenden Tatsachen und mit dem Inhalt des Romans strotzt, einen plumpen Versuch „einer erotischen Suggestion“ auf den Leser um seine eigenen Worte zu gebrauchen, d. h. einer Spekulation auf die besondere Empfänglichkeit des Lesers für Erotika. Und dieser Suggestion kann sich angesichts solch hoher Studienzwecke, wie sie die Vorrede vorspiegelt, mit Beziehung auf den Ausgang der russischen Revolution, für die sich doch alle Welt lebhaft interessiert hat, gar mancher nicht entziehen.

Ich behaupte, — ich habe an einzelnen, sogar graß erscheinenden Stellen mit urteilsfähigen Lesern, die die Vorrede nicht kannten, die Probe darauf gemacht — daß man, ohne die Vorrede gelesen zu haben, an dem Buch als Ganzem keinen oder wenigstens keinen erheblicheren Anstoß nehmen kann, als an zahlreichen anderen Büchern auch, die ungehindert im Verkehr sind und daß die meisten der inkriminierten Stellen geradezu besonders aufgesucht werden müssen, um an ihnen etwas Schlimmes zu finden. Ich behaupte aber zugleich, daß das Vorwort geradezu diese Stellen heraushebt, indem es der Erotik in dem Buch einen solchen Einfluß zuschreibt mit der Aeußerung: „Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus verändert zum Ausdruck gebracht.“

Mit wenigen Ausnahmen werden die meisten Leser nach Einblick in die Vorrede auch in den Kreisen, denen allein das Buch für 6,50 Mark zugänglich ist, — Anmerkung: Ich betone das, weil mir im Kampf gegen die schlechte Literatur öfters entgegen gehalten wurde, daß Bücher mit verhältnismäßig hohem Preise, schon ihres beschränkteren Leserkreises wegen nicht zur Schundliteratur gerechnet werden könnten, — von vornherein ihr besonderes Augenmerk auf die erotischen Stellen richten und darüber die künstlerische Seite des Werkes und die tatsächlich interessante Darstellung des sozialen und kulturellen Lebens, kurz die wissenschaftliche Seite, vernachlässigen oder die oft langatmigen, nicht eben tiefen Philosopheme einfach überschlagen, bis sie wieder den von dem Vorwort angedeuteten Spuren begegnen. Dadurch bekommt das Werk einen Charakter, den ihm der Verfasser ganz und gar nicht gegeben hat.