gez. Hezner, Dr. Heuser, Graf.
München, den 23. März 1909.
5. Gutachten
von Professor Dr. Karl Brunner in Pforzheim.
Erster Teil.
Das Vorwort des einen Uebersetzers (André Villard) ist in seinen starken Uebertreibungen und in seiner einseitigen Tendenz, die dem Buch selber gar nicht in dem Maße eigen ist, geradezu irreführend und zwar, wie mir scheint, in der Absicht, dem Roman einen sensationellen Empfehlungsbrief mit auf den Weg zu geben. Ich halte diese Vorrede für bedenklich vom literarischen wie vom ethischen Standpunkt aus, und zwar aus dem Grunde, weil sie ein vorurteilsloses Herantreten an das Buch erschwert, ja für viele unmöglich macht und diesem eine Tendenz vindiziert, die, so an die Reklameglocke gehängt, den Verdacht erweckt, als wäre die Uebertragung des Romans auf den deutschen Büchermarkt in dem Bestreben erfolgt, durch Hervorkehren der erotischen Reize als den Aeußerungen einer neuen, fast möchte man sagen, beglückenden Weltanschauung auf das Lesepublikum bestechend zu wirken.
Kann dies nicht ohne starke Uebertreibungen, ja Entstellungen des Inhalts des Romans geschehen, so ist der Verfasser des Vorworts auch um solche Uebertreibungen nicht verlegen, wenn es sich darum handelt, diese meines Erachtens unter § 184 Ziffer 1 fallenden Versuche einer mit Sensationsmitteln arbeitenden Reklame mit hochtrabenden, den oberflächlichen Leser bestrickenden Redewendungen von politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen und Tendenzen des Buches so zu verschleiern, daß sie nicht ohne weiteres faßbar erscheinen. Aber ein dünn verschleiertes Objekt erotischer Neigungen ist erfahrungsgemäß viel geheimnis- und reizvoller, als ein unverhülltes. Und wenn beispielsweise [S. 8] auf den wilden sexuellen Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, in ziemlicher Breite hingewiesen wird. Anmerkung. Die Stelle lautet: „Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat auch schon genug von sich hören lassen. Die Organisation der Ssaninisti, die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich.“ — So muß das den oben ausgesprochenen Verdacht um so mehr bekräftigen, als derartige „orgiastische Klubs“ in Rußland längst vor dem Erscheinen des Ssanin bestanden haben, hier also gewissermaßen künstlich herbeigezogen werden, als eine Folge des Romans. Daran ändert nichts die scheinbare Verurteilung solcher Exzesse durch den Vorredner. Wenn aber tatsächlich solche „Propaganda-Vereine der freien Liebe“ u. a. in Schüler- und Schülerinnenkreisen, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, ihre Daseinsberechtigung auf Ssanin zurückführen, dann möchte man wahrlich noch vor Beginn der Lektüre selbst das Buch weit, weit wegwünschen aus dem Bannkreis deutschen Lebens — zurück in den tiefen moralischen Sumpf, aus dem es erwachsen ist.
Doch damit habe ich noch nicht das Buch selbst charakterisieren wollen. Es sind dies nur Gedanken, die die Vorrede nahelegt.
Es erwächst mir nur die Pflicht, durch eine eingehende Kritik des Vorwortes diese meine Auffassung zu begründen, um dann im zweiten Teil meines Gutachtens das Buch selbst zu behandeln.
Wenn ich auf die kaum acht Seiten umfassenden Vorbemerkungen so ausführlich eingehe, so dürfte das in der starken Wirkung dieser Darlegungen seine Berechtigung finden.
Mir scheint, als hätte selten ein Verleger einen so geschickten Verkünder der Sensation, die zudem der Roman selbst gar nicht hat, gefunden. Offenbar haben die Ausführungen Villards über das Buch viel mehr als dieses selbst die Auffassung weiterer Kreise über Ssanin beeinflußt und die Lust es zu lesen hervorgerufen und gesteigert. Ich konnte das aus dem Mund verschiedener Leute erfahren, die den Ssanin vom Hörensagen kennen, wie ich es auch aus den Kritiken über das Buch ersehen konnte, deren Abhängigkeit vom Vorwort unverkennbar ist.