gez.: Prof. Dr. Karl Brunner.

6. Gutachten
von Ludwig Ganghofer in München.

Der mir zur Beurteilung vorgelegte Roman ist als eine dichterisch hochstehende, aus künstlerischem Geist entsprungene Schöpfung zu bezeichnen, die in der Geschichte der russischen Literatur neben den Meisterwerken von Gogol, Turgenjew, Dostojewski und Gontscharow ihren verdienten Ehrenplatz finden wird.

Die Komposition des Romans ist von schöner und strenger Geschlossenheit; die Handlung ist ein starkes und überzeugendes Bild des Lebens, klar geschaut, großzügig erfaßt und mit künstlerischer Kraft aus der Wirklichkeit emporgehoben zu dichterischer Wahrheit; alle Gestalten des Buches sind mit Meisterhand gezeichnet, ohne Beschönigung, ohne Uebertreibung, ohne Absichtlichkeit, im plumperen Sinne dieses Wortes, ohne tendenziöse Verschiebung der Linien, die das Leben dem Dichter zeigte; von fesselnder Wirkung sind die mit den Lebensvorgängen künstlerisch verwobenen Naturschilderungen, die in ihrem malerischen Reiz an die feinsten landschaftlichen Stimmungen bei Turgenjew erinnern; und als glühende Seele dieses Buches redet zu uns die leidenschaftliche Vaterlandsliebe des Dichters, seine schwermutsvolle Trauer über das Schicksal seiner Heimat und ihrer Jugend, deren wertvolle Lebenskräfte zwischen politischem Unglück und sozialer Entartung nutzlos verbraucht und zerrieben werden.

Die Lektüre dieses Buches brachte mir jenen hohen Genuß, wie ihn nur das Werk eines echten Dichters dem Leser zu bieten vermag — gleichviel, ob es nun licht und erhebend oder erschütternd und bedrückend wirkt.

Ich würde nicht nur als Schriftsteller das lebhafteste Bedauern darüber empfinden, wenn dieses Werk aus Gründen, die nur außerhalb seines dichterischen Wertes liegen könnten, bei uns in Bayern eine zensurelle Maßregelung erführe. Denn die an mich gestellte Frage, ob die im „Ssanin“ geschilderten sexuellen Vorgänge geeignet wären, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl eines „normal empfindenden Lesers“ zu verletzen, muß ich mit Nein beantworten. Dabei verstehe ich allerdings unter einem „normal empfindenden Leser“ auch einen gesunden, natürlich fühlenden Menschen von relativer Bildung und ernsten Kulturinteressen. Auf entartete und krankhaft gereizte Menschheitsexemplare kann ja auch ein viel harmloseres Kunsterzeugnis, als es der Ssanin ist, eine zu sexueller Nervosität umschlagende Wirkung üben. Aber in einem halbwegs gesunden, natürlich fühlenden und verständigen Menschen wird die Lektüre dieses Buches niemals ein Gefühl der Lüsternheit erwecken, also meines Erachtens auch nie ein Gefühl der sittlichen Empörung über die Form hervorrufen, in welcher die von der Handlung des Romans untrennbaren sexuellen Vorgänge hier geschildert sind.

Von einer „wissenschaftlichen Behandlung der erotischen Fragen“ oder von einem „wissenschaftlichen Zwecke“ der hier gegebenen Darstellung geschlechtlicher Vorgänge zu sprechen, erscheint mir diesem Werke gegenüber als nicht ganz zutreffend. Der Schöpfer dieses Werkes wollte nicht als Arzt oder als Gelehrter sprechen, sondern als Dichter. Er wollte kein wissenschaftliches Compendium der modernen Erotik seiner Heimat verfassen, sondern mit Wahrheit und künstlerischer Kraft das versinkende Leben einer bedrückten und irregeleiteten Jugend schildern, die sich — von höheren kulturellen Lebenszielen auf politischem und sozialem Gebiete gewaltsam abgedrängt — auf die tierischen Reservatrechte der Menschheit beschränkt sieht und sich in verschärfter Intensität mit allem beschäftigt, was ihr als erotisches Problem erscheint. Diese Jugend sagt: Untergang und Niederbruch auf allen Seiten, suchen wir also wenigstens einen Fortschritt auf diesem einen Gebiete zu erzielen, auf dem uns die Arbeit nicht unterbunden werden kann. Die latente Nähe des Galgens erzeugt sexuelle Subtilitäten.

Ich halte es für einen der Grundgedanken des vorliegenden Romans, daß der Dichter aussprechen wollte: Hindert eine blutvoll und stürmisch heranwachsende Jugend an der redlichen Betätigung ihrer besten Lebenskräfte, nehmt ihr die fliegenden Hoffnungen, die sie emportragen über die Dunkelheiten des ewig Menschlichen, so werden die Feinfühligsten dieser Jugend zu Unglücklichen wie Ssoloveitschik, die gedankenvollen Schwächlinge zu ratlosen Selbstmördern wie Jurii, die geistig minderwertigen Menschtiere zu perversen Schweinen wie Woloschin und Sarudin, die seelisch und körperlich Starken zu einsamen Spöttern und zu rücksichtslosen Lebenstrinkern wie Wladimir Ssanin, der aus allem schwülen Sturm dieses Buches höhnisch und lachend hinausschreitet ins Ziellose, ein Zyniker und doch ein Held, der keinen Menschen haßt, aber auch um keines Menschen willen leidet.

Man mag erschrecken vor aller Wahrheit, die hier geschildert wird; aber man darf für diese Wahrheit nicht den Dichter verantwortlich machen, der solche Wahrheit sah und zeigte.

Aus dem ernsten Lebensklang seines Buches, aus dem Gang der Handlung, aus dem Kontrast der geschilderten Figuren, aus der Schärfe des Gegensatzes, mit dem der Dichter das Helle gegen das Dunkle stellt, das Kraftvolle gegen die Schwäche, gesunde Natur gegen das Verkrüppelte und Entartete, die Reinheit gegen die Vertierung, das Ersehnenswerte gegen das wirklich Bestehende — aus diesen kontrastierenden Farben und Bildern des Werkes wäre ohne mühsame Kombination zu erweisen, daß dieses erschütternde Werk geschaffen wurde, um an giftige Lebenswunden das brennende Eisen zu legen. Aber mit Worten ist eine solche Absicht im „Ssanin“ nirgends ausgesprochen. Der echte Künstler hat es nicht nötig, seinem großgefaßten Werke jenes Moralfähnchen anzuhängen, wie es in der kleinen Fabel des Kinderbuches üblich ist.