Ein sonderbares, kompliziertes Durcheinander von Gedanken und Gefühlen regte sich in ihm. Erst zwei Tage zuvor lagen die matten Haare Lydas zerstreut auf demselben weißen Kissen, wand sich ihr heißer, biegsamer Körper im Ausbruche gewaltiger Leidenschaft, ihre Lippen flammten und Sarudins ganzes Wesen versank in dem fressenden Feuer unerträglichen Genusses.
In jenem Augenblick verband sich in ihm die ganze Welt, tausende von Frauen, alle Genüsse, das ganze Leben immer wollüstiger zu der schamlosen Grausamkeit, gerade diesem demütigen Körper Qualen zu verursachen.
Doch ebenso plötzlich schlug dieses Gefühl wieder um; Lyda wurde ihm widerwärtig. Er mußte von ihr fortgehen, sie von sich stoßen, nichts mehr von ihr hören und sehen. Der Widerwille zeigte sich so unversöhnlich, daß selbst das Sitzen an ihrer Seite zur Folter wurde. Aber gleichzeitig machte ihn die dunkle Angst vor ihr, die sich in ihm wand und krümmte, willenlos und heftete ihn an die Stelle. Mit seinem ganzen Wesen empfand er, daß ihn nichts mehr mit ihr zusammenhielt. Er hatte sie mit ihrem Einverständnis, ohne ihr das geringste Versprechen zu geben, besessen; er gab ihr nur das, was er selbst von ihr erhielt. Er erwartete, daß Lyda von ihm etwas fordern würde und er mußte entweder einwilligen oder er handelte lumpenhaft und schmutzig. Das Gefühl völliger Ohnmacht ergriff ihn, als hätte man aus seinen Gliedern alle Knochen herausgezogen und in seinen Mund statt seiner Zunge einen nassen Lappen gehängt. Diese Gedanken verletzten und empörten ihn. Es drängte ihn aufzuschreien, ihr ein für alle Mal zuzurufen, daß sie kein Recht hätte, etwas von ihm zu verlangen. Doch sein Herz zog sich nur feige zusammen und er rief nur eine Dummheit aus, die für ihn selbst unerwartet kam und garnicht zum Moment paßte.
„Oh, Weib, Weib, — — — so wie Shakespeare sagte.“
Lyda sah ihn erschrocken an. Und plötzlich wurde ihr Hirn von einem schonungslos grellen Licht durchflammt. Jetzt begriff sie, daß sie verloren war. Für einen Menschen, der in Wirklichkeit garnicht existierte, hatte sie das ungeheuer Reine und Große, das zu geben sie fähig war, von sich gerissen. Ihr herrliches Leben, ihre unwiederbringliche Reinheit war einem widerwärtigen und feigen Tierchen vor die Füße geworfen worden; es nahm nichts mit Freude und Dank für den Genuß entgegen, sondern bespritzte sie nur in Akten stumpfsinniger Gier mit Kot. Es gab einen Augenblick, wo sie der Ausbruch der Verzweiflung unter ohnmächtigem Schluchzen und Händeringen fast zu Boden warf.
Aber in krankhafter Geschwindigkeit wurde die Verzweiflung durch eine Flut rachsüchtigen, stechenden Hasses fortgeschwemmt.
„Begreifen Sie denn wirklich nicht, welch ein Idiot Sie sind?“ stieß sie scharf und leise durch ihre zusammengepreßten Zähne, während sie sich seinem Gesicht dicht entgegenschob.
Diese groben Worte und der drängende, grimmige Blick waren bei der feinen und weiblichen Lyda so unerwartet, daß Sarudin unwillkürlich von ihr abrückte. Aber doch verstand er die ganze Bedeutung dieses Blicks noch nicht und versuchte ihn noch immer mit einem Scherz beiseite zu schieben.
„Was sind das für Ausdrücke,“ sagte er verwundert und tat ein wenig verletzt.
„Ich habe an Wichtigeres als an die Ausdrücke zu denken.“