XVIII

Lyda ging nicht nach Hause, sondern lief in der entgegengesetzten Richtung gradaus.

Die Straßen waren leer; die Luft, von den heißen Sonnenstrahlen mit Glutwellen durchsetzt, zitterte schwer. Kurze Schatten lagen hart an Zäunen und Mauern, wie vernichtet von der triumphierenden Glut.

Lyda schützte sich nur aus Gewohnheit mit ihrem Schirm, ohne zu bemerken, ob es heiß oder kühl wäre, hell oder dunkel; sie lief schnell die mit staubigem Gras bewachsenen Zäune entlang und schaute mit trockenen, glänzenden Augen, gesenkten Kopfes, auf ihre Füße. Ab und zu begegneten ihr erhitzte und keuchende Menschen, die von der Hitze schon ganz zermürbt waren; aber es waren nur wenige. Sommerliche Nachmittagsstille lag über der Stadt.

Ein fremdes, weißes Hündchen beschnüffelte eilig und vorsichtig Lydas Rock und trottete ihr dann voran, sah sich um und wedelte mit dem Schwanz, als Beweis, daß es mit ihr zusammenhalten wolle. An einer Straßenecke stand ein kleiner, grotesk dicker Knabe, aus dessen Hose hinten das Hemdchen stach; mit beerenbeschmutzten Backen pfiff er verzweifelt auf einer Schote.

Lyda winkte dem Hündchen mit der Hand zu, lächelte den Jungen an; alles das aber streifte nur die Oberfläche ihres Bewußtseins; ihre Seele blieb verschlossen. Eine düstere Macht, die sie von der ganzen Welt trennte, riß sie, die Einsame und Tote, eilends weiter, an dem lichten Grün der Sonnenhelle und der Lebensfreude vorbei, immer weiter und weiter, einem schwarzen Abgrund entgegen, dessen Nähe sie bereits an der kühlen und erschlaffenden Wehmut fühlte, die ihr Herz umzog.

Ein bekannter Offizier ritt an ihr vorbei. Sobald er sie bemerkte, ließ er seinen verschwitzten Fuchs tänzeln und karessieren. Auf dem glatten Fell des Pferdes glitt die Sonne mit goldschmiedenen Tupfen nieder.

„Lydia Petrowna,“ rief er mit lauter und fröhlicher Stimme. „Wohin gehen Sie in dieser Hitze?“

Lyda ließ ihre Augen unbewußt über seine kleine Mütze, die fesch auf seiner halbgeröteten Stirn saß, gleiten und schwieg, obgleich sie ihn aus Gewohnheit kokett anlächelte. Doch fragte sie sich in diesem Augenblick selber ratlos: Wo soll ich denn nur hin? ...