In ihr war kein Haß gegen Sarudin; sie dachte garnicht an ihn. Als sie vorher, ohne selbst zu wissen, weshalb, zu ihm gegangen war, schien es ihr unmöglich zu sein, allein weiterzuleben und ihr Unglück ohne ihn zu überwinden. Aber jetzt war er einfach aus ihrem Leben verschwunden. All dies war gewesen und war gestorben; — was zurückblieb, ging nur sie an und konnte nur durch sie allein gelöst werden. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft schnell und deutlich. Das Entsetzlichste war, daß allmählich die stolze Lyda verschwand und an ihre Stelle ein kleines, gehetztes, beschmutztes Tierchen trat, das alle Menschen verhöhnen werden und das nun ganz hilflos gegen Geklatsch und Gekeif dastehen wird. Doch ihr Stolz und ihre Reinheit mußten davor behütet werden; sie mußte sich aus dem Schmutze dorthin retten, wo sie die klebrige Welle nicht mehr erreichen konnte.
Und in einer Sekunde hatte Lyda sich klar gemacht, daß es um sie leer wurde, daß Sonnenlicht und Menschen nicht mehr für sie existieren; sie würde unter ihnen einsam bleiben. Es gibt keinen Platz mehr, auf dem sie frei und aufrecht stehen kann; sie muß sterben, sie muß ins Wasser gehen.
Das erschien ihr so abgeschlossen und sicher, als wenn sich zwischen ihr und alldem, was früher war und was noch hätte kommen können, eine steinerne Kreismauer aufbaute. Für einen Augenblick schwand sogar die eigenartige, widerwärtige Empfindung, die sich in ihr seit jener Zeit, da sie zum erstenmal erriet, daß ein unbegreiflich neues Wesen ihr Leben in Trümmern schlug, festgesetzt hatte.
Um sie herum bildete sich eine leichte, farblose Leere, in der die Gleichgültigkeit des Todes herrschte.
— — — Wie einfach doch das alles im Grunde ist. — — — Man braucht doch eigentlich nichts weiter ... dachte Lyda sich umwendend.
Nach und nach schritt sie schneller aus und doch kam es ihr, trotzdem sie fast nicht mehr ging, sondern rannte, noch immer unerträglich langsam vor. Dazu verwickelten sich ihre Füße fortgesetzt in ihren zu weiten, modernen Rock.
Nur dieses Haus und dann noch eines mit grünen Läden und dann nur noch den Bauplatz ...
Der Fluß, die Brücke, und das, was sich dort unbedingt ereignen würde, trat nicht vor Lydas Augen. An ihrer Stelle lag irgend ein leerer Nebelfleck, in dem alles versinken mußte.
Aber dieser Zustand hielt nur so lange an, bis Lyda die Brücke betrat. Sowie sie am Geländer stehen blieb und das trübe, grüne Wasser unten plätschern sah, schwand sofort das Gefühl der Gewichtslosigkeit und in ihr ganzes Wesen senkte sich schwere Angst und klammerndes Verlangen nach dem Leben.
Sofort vernahm sie auch wieder den Schall der verschiedensten Stimmen, das Zwitschern der Spatzen, sah das Sonnenlicht, weiße Gänseblümchen zwischen krausem Ufergras und das weiße Hündchen, welches zu dem endgültigen Entschluß gekommen war, Lyda als seine legitime Herrin zu betrachten. Es setzte sich vor sie nieder, zog das Vorderpfötchen etwas an, und klopfte mit seinem weißen Schwänzchen rührselig auf die Erde.