Lyda sah das Hündchen ernst an und drückte es plötzlich in einer leidenschaftlichen, verzweifelten Aufwallung an sich. Schwere Tränen traten ihr in die Augen und das Gefühl des Mitleides mit ihrem schönen, untergehenden Leben war so stark, daß ihr der Kopf schwindelte und sie sich auf das sonnenerhitzte Geländer stützte. Bei dieser Bewegung fiel ihr der Handschuh ins Wasser; mit unbegreiflichem, stummen Entsetzen verfolgte sie ihn mit den Augen.
Kreisend trieb er auf der Oberfläche, dann sank er lautlos durch die glatte, schläfrige Wasserdecke nach unten. Rasch wachsende Kreise liefen dem Ufer zu und Lyda konnte noch immer sehen, wie der hellgelbe Handschuh dunkler wurde und ganz allmählich in der ernsten, grünlichen Tiefe verschwand. Plötzlich stieg er noch einmal, eigentümlich, wie in einer schwermütigen Agonie, nach oben und drehte sich wiederum in langsamen, kreisförmigen Bewegungen. Lyda spannte ihre Blicke an, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, aber der gelbe Fleck wurde immer kleiner und dunkler, durchbrach dann noch einmal die grünliche Decke und verschwand endlich lautlos. Ebenso wie früher lag jetzt wieder eine glatte, schläfrige, dunkle Fläche vor Lydas Augen.
„Wie kam es denn, Fräulein!“ ertönte in der Nähe eine weibliche Stimme. Erschrocken wandte sich Lyda um und sah in das Gesicht eines dicken Weibes, das sie mit neugierigem Mitleid anblickte.
Obgleich sich dieses Mitleid nur auf den hineingefallenen Handschuh bezog, schien es Lyda, daß dieses dicke, gutmütige Weib sie kennen und bedauern müsse. Für einen Augenblick kam ihr der Gedanke, es würde ihr leichter werden, wenn sie ihr einfach alles erzählen wollte. Doch zur gleichen Zeit, wie in zwei Teile gespalten, verstand Lyda, daß diese Gedanken unsinnig waren. Sie wurde rot, kam in Hast, stammelte: „Ach nichts, garnichts,“ und lief eilig und schwankend, wie eine Betrunkene, von der Brücke fort.
— — — Hier geht es nicht, das sieht man schon, schwirrte es durch die kalte Leere, die sich in Lydas Kopf ausgebreitet hatte.
Sie ging nach links abbiegend, einen schmalen Pfad am Ufer entlang, der zwischen Nesseln, Winden und bitterriechendem Wermut ausgetreten war, neben sich den Fluß und die verwachsene Hecke eines Gartens. Hier war alles still und friedlich wie in einer Dorfkirche. Die Weiden blickten mit nachdenklich gesenkten, feinen Zweigen über das Wasser. Die Sonne warf bunte Flecken und Streifen auf das grüne, steile Ufer. Die breiten Windenblätter lagen starr in den hohen Nesselbüschen und harte Disteln hefteten sich an die breiten Spitzen von Lydas Rock. Irgend ein krauses Gras, hoch wie ein Bäumchen, bestreute sie mit feinem, weißen Staub.
Jetzt mußte sie sich schon zwingen, entgegen der starken, inneren Kraft, die mit ihr rang, den Ort zu erreichen, wohin es sie vorher von selbst getrieben hatte.
... Ich muß, ... ich muß, ... ich muß ... wiederholte sich Lyda mit eiserner Energie. Doch als ob sie noch auf jedem Schritt irgend welche zähe Fesseln zu zerreißen hätte, konnte sie ihre Füße nur mit Mühe vorwärts schieben, einer bestimmten Stelle zu, die ihr jetzt ohne zu wissen warum, als das Ende des Weges bestimmt schien.
Als sie sie erreicht hatte, und unter dem dünnen, verworrenen Gesträuch das kalte Wasser erblickte, welches schnell das überhängende Ufer umfloß, begann sie zu begreifen, wie stark in ihr noch der Drang zu leben war und wie entsetzlich das Sterben ist. Und daß sie dennoch sterben mußte, weil sie nicht leben durfte. Ohne hinzusehen, warf sie den zweiten Handschuh und den Schirm auf das Gras, und ging über den Pfad hinaus durch dichte Disteln an das Ufer heran.
In diesem Augenblick erinnerte sich Lyda an unermeßlich vieles und vieles durchlebte sie: — und tief in ihrer Seele stammelte ohne Unterlaß ein kindlicher Glaube, der längst vergessen und von neuen Gedanken zurückgedrängt worden war, voll naiven Flehens und voller Angst: Mein Gott, mein Gott, hilf mir doch! — — —