Irgendwie drängten sich die Töne einer Arie dazwischen, die sie vor kurzem am Piano übte, und schwirrten lückenlos durch ihren Kopf. Sie erinnerte sich an Sarudin, hielt sich aber nicht bei diesem Gedanken auf. Dann stieg das Gesicht der Mutter, das ihr in diesem Augenblick unendlich teuer und lieb war, vor ihr auf und gerade hierdurch wurde sie von neuem dem Wasser zugestoßen. Niemals vorher oder später, verstand Lyda mit solcher Klarheit und Tiefe, daß die Liebe der Mutter und all der anderen Menschen, im Grunde genommen garnicht ihr selbst, so wie sie mit ihren Mängeln und Wünschen war, galt, sondern nur dem, was sie in ihr sehen wollten. Nun aber, wo sie nackt wurde und sich von dem Wege entfernte, den diese Leute allein für gangbar hielten, mußte sie von ihnen um so mehr mißhandelt werden, als sie früher geliebt worden war.
Dann verwirrte sich alles wie im Fieber: Angst und der Trieb zu leben, das Bewußtsein der Unentrinnbarkeit, Hoffnung auf irgend etwas und doch die Sicherheit, daß alles zu Ende sei, die Verzweiflung, die qualvolle Erkenntnis der Stelle, an der sie sterben sollte; plötzlich auch die Gestalt eines Menschen, der ihrem Bruder ähnlich sah und eilig über die Hecke geklettert kam.
In diesem Augenblick rief er sie auch keuchend an: „Etwas Dümmeres hättest du dir auch nicht aussuchen können!“
Jener unfaßbare Zusammenhang von Wünschen und Trieben, führte Lyda gerade zu dem Fleck, wo Sarudins Garten endete, und wo sie sich ihm einst auf halbzerfallener Hecke, in unbequemer Lage, vor dem Mondlicht durch den schwarzen Schatten der Bäume gedeckt, hingegeben hatte. Ssanin hatte sie schon von weitem gesehen und erkannt; er erriet sogleich, was sie im Sinne hatte. Seine erste Bewegung war fortzugehen und sie in nichts zu stören. Aber ihre, offenbar unbewußt hastigen Bewegungen, zogen sein Herz vor Mitleid zusammen; er stürzte, ohne zu überlegen, im Laufschritt über die Sträucher und Bänke des Gartens springend, zu ihr hin.
Seine Stimme machte einen furchtbaren Eindruck auf sie. Ihre Nerven, bis zum äußersten im Kampfe mit sich selbst angespannt, erschlafften augenblicklich, ihr Kopf wurde von Schwindel ergriffen, und alles um sie begann sich mit leichten Kreisbewegungen von ihr zu entfernen. Lyda konnte nicht mehr fassen, wo sie sich eigentlich befand, ob im Wasser oder auf dem Ufer. Hart am Rande gelang es Ssanin noch, sie zu ergreifen; seine eigene Geschicklichkeit und Kraft kamen ihm angenehm zum Bewußtsein und riefen in ihm ein starkes Gefühl der Freude hervor.
„So,“ sagte er befriedigt. Dann führte er Lyda zur Hecke, setzte sie herauf und sah sich ratlos um.
— — — Was soll ich nur mit ihr anfangen, dachte er. Doch Lyda kam sofort wieder zu sich; blaß, verwirrt und wie zerbrochen, weinte sie bitter und unaufhaltsam vor sich hin.
„Gott, Gott,“ stammelte sie, wie ein Kind schluchzend.
„Du bist ein Dümmchen,“ sagte Ssanin zärtlich und mitleidsvoll.
Lyda hörte ihn nicht; aber als er eine Bewegung machte, klammerte sie sich krampfhaft und fest an seinen Arm und weinte noch lauter.