— — — Nun es wird schon gut werden, dachte Ssanin. Sie werden es verschmerzen. Im Leide können sie nur reiner und inniger werden.

Als er jetzt Nowikow einsam am Fenster stehen sah, sagte er sich, daß diese Zeit gekommen wäre. Schweigend blickte jener auf den verlöschenden Himmel. Er war von dem seltsamen Gefühl erfüllt, in dem sich Trauer nach einem unwiederbringlich verlorenen Glück zart mit dem Zittern sehnsuchtsvoller Erwartung nach neuem Glück verbindet. In dieser traurig feinen Dämmerung stellte er sich Lyda klarer als je schüchtern, unglücklich, von allen gedemütigt vor. Es trieb ihn, sich vor ihr auf die Kniee zu werfen, ihre kalten Finger mit Küssen zu erwärmen und sie durch seine allvergessende, große Liebe zu neuem Leben zu erwecken. Alles in ihm verlangte nach diesem Opfer; doch er hatte nicht die Kraft, zu ihr zu gehen.

Ssanin empfand auch diese Stimmung. Langsam erhob er sich, warf den Kopf nach hinten und sagte:

„Lyda ist im Garten. Gehen wir.“

Mit einer erbarmungswürdigen Regung des Schmerzes, und doch glücklich, zog sich Nowikows Herz zusammen. Eine lichte Zuckung lief über sein Gesicht und verschwand. Es war ersichtlich, wie stark seine Finger beim Drehen des Schnurrbartes zitterten.

„Wie also? ... Gehen wir nun zu ihr? ...“ Ssanin wiederholte es mit gemessener Stimme, als wenn er an eine wichtige aber selbstverständliche Angelegenheit heranträte.

An diesem Ton begriff Nowikow, daß Ssanin alles in ihm verstand; er empfand eine große Erleichterung, gleichzeitig aber naiven, kindischen Schreck.

„... Also gehen wir!“ sagte Ssanin noch einmal zart, ergriff Nowikows Schultern und schob ihn zur Tür.

„Nun gut, ja,“ murmelte Nowikow. Eine rührselige Zärtlichkeit, der Wunsch, Ssanin zu umarmen, stieg in ihm auf. Aber er hatte doch nicht den Mut dazu, er sah ihm nur mit tiefen, feuchten Blicken ins Gesicht.

Im Garten war es dunkel, es roch nach warmem Thon. Die Baumdurchschläge leuchteten in der Dämmerung wie gotische Fenster. Ueber den weißen Lichtungen rauchte feiner, gelber Nebel; es war, als ginge ein unsichtbares Wesen zwischen den schweigenden Sträuchern und leise erzitterten die schlafbefangenen Gräser und Blumen bei seiner Annäherung.