Am Ufer war es heller; die Dämmerung umfaßte erst die Hälfte des Flusses, der sich noch immer glänzend gegen die dunklen Wiesen abhob.
Lyda saß hier dicht am Wasser und ihre feine, gesenkte Silhouette stach weiß vom Grase ab, wie ein geheimnisvoller Schatten, der über dem Wasser trauert.
Jene leichte, kühne Ueberlegenheit, die sich ihrer unter dem Einfluß der beruhigenden Stimme des Bruders bemächtigt hatte, verschwand ebenso rasch wieder, als sie gekommen war. An ihre Stelle schlichen sich die schwarzen Gespenster Scham und Furcht, legten sich neben sie und flüsterten ihr von neuem zu, daß sie kein Recht mehr auf ein anderes Glück, ja nicht einmal selbst auf ihr Leben hätte.
Ganze Tage lang saß sie mit dem Buche im Garten, weil sie der Mutter nicht mehr einfach und gerade in die Augen zu blicken vermochte. Tausende Mal empörte sich alles in ihr. Immer wieder sagte sie sich, daß die Mutter nichts mit ihrem Leben zu tun hätte. Aber jedesmal, wenn sie sich ihr näherte, änderte sich ihre Stimme und in ihren Augen zeigte sich ein scheuer, schuldbewußter Ausdruck. Die Mutter wurde durch ihre Verwirrung, ihr Erröten, die unsichere Stimme, den irren Blick beunruhigt. Peinliche Verhöre folgten nun; argwöhnische Augen liefen hinter ihr her und quälten sie, bis sie sich zu verstecken begann.
So saß sie auch an diesem Abend, verfolgte gramvoll die am Horizont niedersteigende Dämmerung und dachte ihre schweren, auswegslosen Gedanken durch.
Sie begriff nicht, warum es ihr nicht möglich war, das Leben zu verstehen. Nur eine unfaßbare Ahnung, unentwirrbar wie ein Polyp, klebrig und bedrückend, erhob sich vor ihren Augen.
Eine Menge von Schriften, die sie gelesen hatte, eine Reihe von großen und freien Ideen durchzogen ihr Hirn. Maß sie an ihnen ihre Handlungsweise, dann war sie nicht nur natürlich; sie war auch schön. Niemandem hatte sie Böses getan; sich und einem zweiten Menschen gab sie reiche Lust.
Ohne diese Lust hätte sie nichts von der Fülle ihrer Jugend gewußt und das Leben wäre trostlos, wie ein Baum im Herbst, geblieben, wenn alle Blätter abgefallen sind. Der Einwurf, daß die Kirche den Bund mit diesem Manne nicht sanktioniert hatte, kam ihr lächerlich vor; schon längst waren alle Stützen dieser traditionellen Forderung durch das freie, menschliche Denken zerbröckelt und zermürbt worden. Schließlich kam sie zu dem Schluß, daß sie sich eigentlich freuen müßte, wie sich eine Blume freut, die sich an einem sonnigen Morgen von neuem Leben befruchtet fühlt. Aber in ihrem Innern litt Lyda doch, sah sich tief am Boden eines Abgrundes, tiefer gesunken als alle Menschen; sie war zur Letzten der Letzten geworden. Mochte sie auch die erhabensten Ideen, unverrückbare Wahrheiten zu Hilfe rufen, vor dem kommenden Tage der Schande schmolzen sie dahin, wie Wachs im Feuer schmilzt. Anstatt den Menschen, die sie wegen ihres Stumpfsinns und ihrer Beschränktheit verachtete, den Fuß auf den Nacken zu setzen, dachte sie nur daran, wie sie sich retten und jene täuschen könne.
In dieser ganzen Zeit fühlte sich Lyda, wenn sie einsam weinte und ihre Tränen sorgsam vor jedem Menschen verbarg, oder wenn sie plötzlich in stumpfe Verzweiflung versank, nachdem sie ihrer Umgebung falsche Fröhlichkeit vorgeheuchelt hatte, doch stets, wie eine Blume zum warmen Sonnenstrahl, nur zu Nowikow hingezogen. Aber wie ein niederträchtiges Verbrechen schien ihr der Plan, sich von ihm retten zu lassen. Oft loderte in ihr wilde Verzweiflung darüber auf, daß sie von seiner Vergebung und Liebe abhängen solle. Doch stärker als ihr Stolz, stärker als der innere Protest war das Bewußtsein ihrer Ohnmacht und die Liebe zum Leben. Statt sich über die menschliche Dummheit zu empören, zitterte sie vor ihr, statt Nowikow frei in die Augen zu blicken, demütigte sie sich wie eine Sklavin vor ihm.
In diesem zerspaltenen Mädchen lag etwas Bemitleidenswertes und Hilfloses, wie in einem Vogel, dem die Schwingen gebrochen sind und der sich nun nicht mehr fortbewegen kann.