In Augenblicken, in denen ihre Qualen ganz unerträglich werden wollten, kam ihr stets der Bruder in den Kopf; dann füllte sich ihre Seele mit naiver Bewunderung. Ihr war es klar, daß ihm nichts heilig sei, daß er sie, die Schwester, nur mit den Blicken des Mannes betrachtete. Sicher war er egoistisch, unmoralisch, aber doch blieb er der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ihr leichter wurde, mit dem sie ohne Scham über die intimsten Geheimnisse ihres Lebens sprechen konnte. In seiner Anwesenheit nahm alles andere einfache und nichtige Formen an! — — — Sie war schwanger, nun gut, was hat das weiter zu bedeuten, — — — sie hatte eine Liebes-Affäre hinter sich, um so besser, also hatte es ihr gradso gefallen; man wird sie verachten und demütigen wollen, was macht es denn? ... Das Leben, die Sonne und die Freiheit liegen vor ihr und Menschen gibt es überall. Die Mutter wird leiden, na, wenn sie es durchaus will? ... Das ist ihre Sache! Lyda hat das Leben der Mutter nicht mit angesehen, als diese ihre Jugend durchkostete, und die Mutter wird Lyda nicht mehr beobachten, wenn sie erst gestorben ist. Zufällig auf der Lebensbahn begegnet, nur eine Strecke des Weges miteinander gehend, können und dürfen sie nicht einander die Bahn versperren.

Lyda sah ein, daß sie allein niemals so frei werden würde, wie Ssanin. Um so zu denken, mußte sie sich dem Einfluß dieses starken und freien Mannes unterwerfen. Doch mit um so stärkerer Bewunderung und größerer Zärtlichkeit blickte sie auf ihn, — — — eigenartige, zügellose Gedanken flatterten durch ihre Seele. Wenn er doch ein Fremder, nicht der Bruder wäre ... dachte sie zaghaft und scheu; doch sie erstickte schleunigst den Schluß dieses beschämenden, aber verlockenden Gedankens.

Und wieder wendeten sich dann ihre Gedanken Nowikow zu; sie wartete und hoffte auf seine Liebe.

So schloß dieser Zauberkreis ab; kraftlos zerschlug sich Lyda in ihm. Die letzten Kräfte und Farben ihrer jungen, hellen Seele gingen darin verloren.

Sie hörte Schritte und schaute sich um.

Nowikow und Ssanin kamen auf sie schweigend zu; ohne darauf zu achten, schritten sie durch das hohe Gras gradeaus. Man konnte ihre Gesichter in der blassen Dämmerung nicht gut erkennen, aber eine plötzliche Ahnung blitzte in Lyda auf, daß der gefürchtete Moment nahe sei. Sie sah aus, als wenn sie das Leben verließe, so blaß und schwach wurde sie.

„Nun, hier,“ sagte Ssanin, „ich habe dir Nowikow gebracht, was er will, wird er dir selbst sagen. Bleib ruhig hier, ich gehe Tee trinken.“

Jäh wandte er sich um; mit weiten Schritten ging er ins Haus. Eine Zeitlang, nur ganz allmählich in der Dunkelheit versinkend, schimmerte noch sein weißes Hemd zu ihnen herüber; dann verschwand es hinter den Bäumen. Es wurde so still, daß man garnicht glauben konnte, er wäre fortgegangen und stehe nicht mehr im Schatten der Bäume.

Nowikow und Lyda begleiteten ihn mit den Blicken und beide verstanden, daß in dieser einen Bewegung schon alles gesagt war; jetzt mußte man es nur noch einmal in Worten wiederholen.

„Lydia Petrowna,“ sprach Nowikow leise, und der Klang seiner Stimme trug so viel Trauer, war so rührend aufrichtig, daß sich Lydas Herz zart zusammenzog.