„Ganz einfach — — — so,“ erklärte Ssanin mit unfaßbarem Unterklang.
„Wie denn so? ... Wenn man solche Behauptungen aufstellt, muß man sie auch beweisen.“
„Wozu hätte ich es nötig, sie zu beweisen?“
„Was heißt das: ... wozu? ...“
„Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu überzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es hätte auch keinen Zweck.“
„Wenn man in dieser Weise urteilen will,“ sagte Jurii zurückhaltend, „so könnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen.“
„Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige und interessante Sache. Die Literatur, — — ja, nämlich die, die ich so bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit seiner Klugheit breitschlagen möchte. Sie baut das ganze Leben um, dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein. Wenn man die Literatur vernichten wollte, würden im Leben viel Farben verbleichen.“
Von Deutz blieb stehen, ließ Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn kam, sagte er zu ihm:
„Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs äußerste.“
„Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, daß alle Demütigen und Unglücklichen zur Vernunft kämen und mit einem Stoß die ganze unerträgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen hätten, — — — einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute nährt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demütige, viel verheißende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere Seligkeit, säuselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte eine Religion des ‚Nicht dem Bösen mit Gewalt widerstehen‘, nun kurz ausgedrückt, ließ den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren, gingen wie die blödesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut, der unendlich bessere Verwendung verdient hätte, zogen sie sich mit eigenen Händen die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben natürlich garnichts Besseres gewünscht. Und jetzt sind wieder Jahrhunderte nötig, es muß wieder unendliche Versklavung und Knebelung kommen, um die Empörung in Schwung zu bringen. Der menschlichen Persönlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das Christentum ein Bußhemd über und verbarg darunter alle Farben des freien menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glück in ihre Hände nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann ... Und alle Schönheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist übrig geblieben und dann, — der unsinnige Traum an das kommende goldene Zeitalter, golden natürlich für die anderen. Ja, das Christentum hat eine häßliche Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch auf der Menschheit lasten.“