Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht.

Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stückchen Feld bestellen, sich bei Mißernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergnügen den Kulak — ihren Dorfwucherer — totschlagen würden und außerdem darauf warten, daß einmal die große Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten unberührten Kräften, deren Naivität und Intensität schon heute jeden entzückt, der sie zum Vorschein kommen sieht, — Tolstoi kennt sie, Gorki nicht — wird das große, russische Volk erstehen.

Gegenwärtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprägt.

Einst beschränkte sie sich auf den Adel — die Zeiten sind längst vorbei. Heute umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe. Die Repräsentantin des modernen Rußlands ist die studierende Jugend, und was ihr entstammt — die Intelligenz! Dieses Wort wurde in Rußland nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse, an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie sich in politisch-soziale Formen umsetzt.

Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionär; so stand ganz Rußland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strömten Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen großen Becken zusammen — — — Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse. Für das Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte höchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm. Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner Frau zusammenlebte, stand auf der höchsten Spitze der Entwicklung; auf den Gedanken, in der Liebe tatsächliche Freiheit zu suchen, kam man nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit, die Liebe zu suchen, — — man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Kräfte; sie verlangte viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehörten, ohne Sentimentalität aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschützte Einehe, die monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und hinter welcher der Pope stand. Und die revolutionäre Bewegung, die damals die gesamte Intelligenz umfaßte, hätte über jeden ihr wütendes Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz gewöhnliche, so ganz gut bürgerliche, so mehr als bürgerliche Moral zu verstoßen.

Die Revolution ging in Stücke, die revolutionären Parteien zerfielen, lösten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Betätigung zurück, in der es nur, wenn man Glück hatte, ein vergnügtes Ende am Galgen, sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefängnissen und der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen Temperaments ließen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein stillverlaufendes, gemäßigtes Leben war man nicht gewöhnt; man konnte es auch nicht werden, da die Maßnahmen der Regierung auf keinem sonstigen Gebiet freie Bahn ließen.

Man suchte nach dem „Neuen“.

Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben. Nachdem der offene revolutionäre Kampf unmöglich geworden war, führten sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf Bomben zum Morgenimbiß und machte Expropriationen zum Nachmittagstee — am Abend hing man am Galgen, — eine Tageseinteilung, die auf die Dauer auch den kaltblütigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen versetzen kann.

Derartige Vibrationen lösen sich am leichtesten in geschlechtlichen Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die ersten, in denen die praktische Ausübung der freien Liebe zur Notdurft wurde. Die Nachrichten hierüber verbreiteten sich bald in den Kreisen der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende „Wort“ für die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.

Im Anfang steht das Wort; — wenigstens in Rußland noch immer.