„Aber wieso denn nicht,“ rief Jurii empört. Wieder trat auf das Gesicht Ssanins der Ausdruck von Langeweile.
„Natürlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie möglich wäre, so müßte ja unser Denken völlig zum Stillstand kommen. Aber das gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort muß man hören, ohne sich vorher durch Begrenzungen festzulegen. — — Wozu übrigens darüber diskutieren,“ fiel er sich plötzlich, über seine Interessiertheit erstaunt, selbst in die Rede. „Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch eins möchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, — Sie haben doch wahrscheinlich schon hunderte von Büchern gelesen, vom Ecclesiast bis auf den Marx — noch keine Weltanschauung gebildet.“
„Ich hätte mir keine gebildet? ...“ Jurii fühlte sich tief verletzt. „Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend ist sie.“
„Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...“
Piszow kicherte. „Eh, du!“ herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an, drohend den Hals anreckend.
Mit naivem Entzücken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, — — — wie klug er doch ist, dachte sie.
Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Körper durchwühlte ein schamhaftes, frohes Gefühl, das ihr aber nicht bewußt wurde. Als wenn sich diese beiden nicht aus allgemeinen Gründen stritten, sondern nur, um vor ihr zu glänzen.
„Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen und anzunehmen; dabei fürchtet jeder, daß man ihn selbst überreden könnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist öde und platt.“
„Erlauben Sie mal,“ schrie Hoshijenko.
„Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben, sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Büchern in der Hand gehabt. Und doch regen Sie sich darüber auf, daß nicht alle so denken, wie Sie. Außerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.“