I

Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten Zusammenstöße mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte Wladimir Ssanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn, niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und eigenartig heran, wie der Baum im Felde.

Viele Jahre hindurch war er nicht in der kleinen Stadt gewesen und als er endlich zurückkehrte, erkannten ihn die Mutter und seine Schwester Lyda kaum wieder: In den Gesichtszügen, in Stimme und Manieren hatte er sich nur wenig verändert, aber doch zeigte sich an ihm etwas Anderes, Unbekanntes, das im Innern herangereift war und das Gesicht mit einem neuen Ausdruck durchleuchtete.

Es war gegen Abend, als er ankam, und er trat so ruhig in das Zimmer ein, als ob er es erst fünf Minuten vorher verlassen hätte. In seiner hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalt mit den hellen Haaren, in seinen ruhigen und fast garnicht, höchstens in den Mundwinkeln, spöttischen Mienen, lag weder Aufregung noch Ermüdung; die lärmende Freude, mit der ihn die Mutter und Lyda empfingen, schwand wie von selbst.

Solange er aß und trank, saß ihm seine Schwester gegenüber und schaute ihn gerade an, ohne die Blicke abwenden zu können. Sie war in ihren Bruder so verliebt, wie nur exaltierte, junge Mädchen ihre abwesenden Brüder zu lieben vermögen.

Lyda stellte sich den Bruder als einen ganz besondern Mann vor, dessen Eigenart sie sich selbst aus den Büchern zusammengeträumt hatte. In seinem Leben wollte sie einen tragischen Konflikt sehen: Kampf, — Leiden, — Einsamkeit einer gewaltigen Individualität. — — — —

„Warum schaust du mich so grade an?“ fragte sie Ssanin lächelnd. Dieses interessierte Lächeln bei dem in sich vertieften Blick der Augen war der ständige Ausdruck seines Gesichts.