Lyda hörte gespannt zu und saß unbeweglich, schön und etwas eigenartig da, wie alle jungen Mädchen in der Frühlingsdämmerung. Immer klarer wurde ihr, daß sein Leben, welches sie sich in so feurigen Zügen ausgemalt hatte, ganz einfach und gewöhnlich war.

Zwar ... irgend etwas Besonderes klang noch daraus hervor, doch das, was es sein mochte, konnte Lyda nicht erfassen. Im übrigen aber blieb es unwichtig und gleichgültig, ja, wie es ihr vorkam, sogar banal. Er wohnte, wo es grad der Zufall mit sich brachte, tat, was ihm in die Hände fiel, arbeitete bald, bald bummelte er, alles scheinbar ohne Ziel; nur trank er mit Vorliebe und kannte gut die Frauen. Hinter diesem Leben lauerte nicht das schwere und düstere Schicksal, welches die träumerische Mädchenseele Lydas zu sehen wünschte. In ihm herrschte keine allumfassende Idee; er haßte niemanden und litt auch um keines Menschen willen.

Im Gespräch drängten sich Worte in seine Rede, die Lyda aus irgendeinem Grunde unschön fand.

„Kannst du denn auch nähen? ...“ unterbrach sie ihn einmal unwillkürlich mit verletzendem Erstaunen; das schien ihr häßlich und unmännlich.

„Früher hatte ich gewiß keine Ahnung davon, aber als es sein mußte, gut, da lernte ich’s eben,“ antwortete Ssanin mit seinem Lächeln; er empfand, was in Lyda vorging.

Das Mädchen zuckte, ein wenig unbeholfen, mit den Achseln, schwieg aber; sie starrte tief in den Garten, mit dem Gefühl, wie wenn man des Morgens voller Träume an die Sonne erwacht und plötzlich den Himmel grau und kalt erblickt.

Auch die Mutter ergriff eine drückende, lästige Bangigkeit. Es berührte sie schmerzlich, daß ihr Sohn nichts dazu tat, um in der Gesellschaft die Stellung einzunehmen, die sich für ihn gebührt hätte. So begann sie, darüber zu reden, daß man auf solche Weise nicht weiter fort leben könne und daß man wenigstens jetzt versuchen müsse, sich anständig einzurichten. Zuerst sprach sie behutsam, noch in Furcht, den Sohn zu verletzen; aber sobald sie bemerkte, daß er nur oberflächlich hinhörte, wurde sie ungeduldig und fing an, mit dem stumpfen Verdruß einer Greisin auf ihn einzureden, als ob er sie absichtlich gereizt hätte.

Ssanin zeigte keine Verwunderung, wurde auch nicht böse; wie es schien, hörte er kaum auf sie. Mit zärtlichen Blicken sah er sie vollkommen gleichgültig an und schwieg. Nur auf ihre Frage:

„Aber wie denkst du denn zu leben?“

gab er gleichmütig zur Antwort: