Er begriff selbst nicht, warum er es tat, aber noch niemals hatte er Lyda so geliebt und gehaßt, wie in diesem Augenblick.
Und in Lydas Seele neigte sich diesem Worte ein Wunsch entgegen und verstarb. — Der Wunsch, von einander in stiller, zarter Dankbarkeit für die gemeinsam erlebten Freuden Abschied zu nehmen. Doch sofort überwand sie sich und antwortete schonungslos und laut:
„Adieu! Glück auf die Reise! Pawl Lwowitsch, vergessen Sie uns nicht!“
Man hörte noch, wie Woloschin beim Fortgehen lauter, als es nötig wäre, sagte:
„Das ist ein Mädchen ... sie berauscht wie Sekt!“
Sobald ihre Schritte verklungen waren, ließ sich Lyda in den Schaukelstuhl nieder, aber ganz anders, als sie früher dagesessen hatte. Jetzt hockte sie gebückt und zitterte am ganzen Körper. Stille, tief ergreifende Mädchentränen flossen über ihr Gesicht. In diesen Minuten erinnerte sie Ssanin an das rührende Bild des nachdenklichen russischen Mädchens, so wie es das Volkslied schildert, mit dem dicken Zopf, seinem freudlosen Leben und weißen Mullärmeln, mit denen es seine Tränen trocknet, wenn es im Frühling vom Abhang herab heimlich auf den ersten Eisgang des Flusses schaut ... Und die Tatsache, daß dieses veraltete, naive Bild auf die Lyda mit den modernen Frisuren und Spitzenröcken für gewöhnlich gar nicht paßte, ließ sie ihm jetzt noch rührender und bemitleidenswerter erscheinen.
„Nun, weine doch nicht!“ sagte er zu ihr, indem er auf sie zutrat und ihre Hand ergriff.
„Laß mich ... wie entsetzlich doch das Leben ist ...“ Lyda beugte sich, das Gesicht in den Händen vergraben, bis auf die Knie nieder, ihr weicher Zopf schlängelte sich still über ihre Schultern und fiel herab.
„Pfui!“ rief Ssanin ärgerlich. „So würde ich mich denn dieser Nichtigkeiten wegen doch nicht aufregen!“
„Gibt es denn wirklich keine ... anderen, besseren Menschen!“ kam es wie eine Klage über Lydas Lippen.