„Mögen Sie — möglicherweise — recht haben ... Aber dann ist es wirklich immer notwendig ... Vielleicht wäre es gewesen besser, wenn Sie selbst hätten ertragen den Schlag.“
„Weshalb besser? ... Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Schlag hinzunehmen. Wozu auch? ... Aus welchen Gründen?“
„Nein, ich bitte, hören Sie mich an ...“ fiel ihm Ssoloveitschik rasch ins Wort. „Vielleicht, es wäre gewesen doch besser ...“
„Für Sarudin allerdings.“
„Nein, für Sie auch. Denken Sie sich nur ...“
„Ach, Ssoloveitschik,“ erwiderte leicht angeärgert Ssanin. „Das ist immer das alte Märchen von dem moralischen Sieg. Und dazu ist dieses Märchen noch sehr plump. Der moralische Sieg besteht nicht darin, unbedingt seine Backe hinzuhalten, sondern vor seinem eigenen Gewissen im Recht zu sein. Und wie man sich dieses Bewußtsein verschafft, das ist ganz gleich ... Das hängt vom Zufall, von den Umständen ab. Nichts ist entsetzlicher als die Sklaverei, und es gibt wieder keine schrecklichere Sklaverei, als wenn sich ein Mensch bis auf die Knochen gegen eine Gewalttat, die ihn trifft, empört und sich ihr dann doch im Namen eines stärkeren Prinzips unterwirft.“
Ssoloveitschik faßte sich plötzlich an den Kopf, doch in der Dunkelheit blieb der Ausdruck seines Gesichts unerkennbar.
„Was soll ich sagen? ...“ rief er mit weinerlicher Stimme. „Meine Vernunft ist so schwach. Ich kann sich garnichts erklären, nichts verstehen, ... ich weiß nicht, wie man soll leben.“
„Und wozu brauchen Sie es zu wissen. Leben Sie wie der Vogel fliegt. Will er den rechten Flügel heben, gut, so hebt er ihn, will er um einen Baum biegen, gut, biegt er um ...“
„Ja, aber es ist doch das ein Vogel, wohingegen ich bin ein Mensch ...“