Ssanin lachte laut, und sein fröhliches, mutiges Lachen erfüllte alle Ecken des dunklen Platzes mit momentanem Leben.
Ssoloveitschik hörte auf und schüttelte langsam den Kopf.
„Nein,“ sprach er trüb. „Das ist alles nur so ... Worte. Sie können mich nicht lehren, wie muß ich leben. Niemand, niemand kann es.“
„Das ist wahr, niemand kann das. Die Kunst zu leben, das ist auch ein Talent. Und wer dieses Talent nicht besitzt, der geht unter.“
„Sie sind jetzt so ruhig, Sie sprechen so, als wenn Sie wissen schon alles. Und ... ich bitte, seien Sie mir nicht böse ... Waren Sie immer einer, Soner ... So wie Sie sind jetzt. Ruhig ...“ Ssoloveitschik fragte es mit brennender Neugierde, in der Erregung verschlechterte sich sein Russisch immer mehr.
„Oh nein,“ Ssanin schüttelte mit dem Kopf. „Allerdings, ich besaß immer viel Ruhe. Aber es waren doch Zeiten, wo ich die unterschiedlichsten Zweifel durchmachte. Es gab eine Zeit, wo ich im vollen Ernst von dem Ideal des christlichen Lebens träumte.“
Ssanin schwieg nachdenklich, und Ssoloveitschik blickte mit ausgestrecktem Halse auf ihn, als wenn er von ihm etwas unbegreiflich Wichtiges erwartete.
„Einst hatte ich einen Freund, einen Studenten, einen Mathematiker ... Iwan Lande. Es war ein wunderbarer Mensch von unüberwindlicher Kraft, ein Christ nicht aus Prinzip, nein, einfach seiner Natur nach. In seinem Leben haben sich alle kritischen Elemente des Christentums widergespiegelt ... Wenn man ihn schlug, verteidigte er sich nicht, er vergab seinen Feinden, ging zu jedem Menschen wie zu seinem Bruder hin, ... wer es tun kann, der tue es. Und da er es tun konnte, tat er es auch ... die Verneinung der Frau ... als eines Weibes ... Sie erinnern sich wohl an Semionow.“
Ssoloveitschik nickte ihm mit naiver Freude zu. Für ihn war es ungeheuer wichtig: In einer gewohnten Umgebung, zwischen Bekannten, erstand plötzlich vor seinen Augen ein Bild des wahren Christen, von dem er stets nur eine trübe Ahnung hatte, das ihn aber immer wieder anzog, wie ein Licht den Nachtfalter. Er entflammte ganz in Aufmerksamkeit und Erwartung.
„Nun also, Semionow ging es damals entsetzlich schlecht. Er lebte zu der Zeit in der Krim bei einem Schüler. Da ging er in dieser Einsamkeit einfach unter, war immer inmitten von Todesahnungen ... in düsterster Verzweiflung. Lande hatte davon erfahren und entschloß sich natürlich, die versinkende Seele retten zu gehen. Und er ist buchstäblich gegangen. Geld hatte er nicht. Borgen wollte ihm niemand, als einem an Gutmütigkeitsirrsinn Leidenden, und so ging er den Weg von 1000 Werst zu Fuß. Irgendwo unterwegs ist er denn auch zugrunde gegangen. Hat also auf seine Weise sein Leben für seine Mitmenschen hingegeben.“