Voller Begeisterung, ekstatisch mit den Augen blitzend, rief Ssoloveitschik: „Nun, werden Sie nicht anerkennen diesen Menschen?“
„Ueber ihn gab es seiner Zeit viel Streit,“ erwiderte Ssanin nachdenklich. „Die einen hielten ihn nicht für einen echten Christ und wollten ihn aus diesem Grunde nicht anerkennen, die andern hielten ihn direkt für verrückt, so mit einer gewissen Mischung von Eigensinn. Wieder andere sprachen ihm alle Kraft ab, weil er nicht gekämpft, nicht gesiegt hatte, kein Prophet wurde, sondern nur allgemein Entfremden hervorrief. Nun, und ich sehe ihn wieder anders an. Damals war ich selbst noch von ihm bis zur Blödheit fasziniert. Es ging so weit, daß mir einmal ein Student eins in die Fresse schlug. Zuerst wurde alles in mir rasend ... Aber Lande war dabei. Er blickte mich ruhig an. Ich weiß nicht, was da in mir vorging ... Nun ... ich bin schweigend aufgestanden und fortgegangen. Und dann ... zuerst war ich darauf furchtbar stolz, übrigens man kann sagen, dummstolz, und zweitens habe ich auf diesen Studenten einen Haß von ganzer Seele bekommen. Nicht weil er mich geschlagen hatte, sondern einfach, weil meine Handlungsweise ihm sicher ein Vergnügen gemacht hatte wie kein zweites. Ganz zufällig bemerkte ich, in was für eine falsche Stellung ich mich selbst gebracht hatte, wurde nachdenklich, lief zwei Wochen lang wie wahnsinnig herum, und hörte am Ende auf, meinen blödsinnigen, moralischen Sieg als etwas Großartiges zu betrachten. Aber diesen Studenten habe ich dann bei seiner ersten selbstgefälligen, frechen Bemerkung bis zur Bewußtlosigkeit und mit köstlichem Genuß durchgeprügelt. Zwischen mir und Lande kam es zu innerer Entfremdung. Ich sah mir sein Leben genau an und sah ein, daß es ganz elend und armselig war ...“
„Oh, was sagen Sie da,“ rief Ssoloveitschik, „können Sie sich denn vorstellen, wie er war reich an innere Erlebnisse?“
„Seine Erlebnisse waren eintönig, weiter nichts. Das ganze Glück seines Lebens bestand darin, widerspruchslos jedes Unglück aufzunehmen, und der Reichtum darin, daß er immer mehr und tiefer jedem Lebensreichtum entsagte. Das war ein Bettler aus freien Stücken und ein Phantast, der nur um deswillen lebte, was ihm garnicht bekannt war.“
„Sie wissen garnicht, wie Sie quälen mich.“ Ssoloveitschik rief es plötzlich und rang die Hände.
„Aber was für ein hysterischer Kerl sind Sie, Ssoloveitschik,“ bemerkte Ssanin verwundert. „Ich erzähle Ihnen doch garnichts Besonderes. Oder hat sich diese Frage in Ihnen mit sehr vielen Schmerzen eingefressen.“
„Sehr ... sehr ... ich denk und denk ... und mein Kopf tut mir weh. War denn das ein Irrtum ... Alles wirklich. Da sitz ich nun wie in ein dunkles Zimmer, und niemand kann mir sagen, was ich muß tun. Wozu lebt denn der Mensch? Sagen Sie es mir.“
„Wozu? Das ist niemandem bekannt.“
„Und es ist gar keine Möglichkeit, zu leben für die Zukunft, damit es soll wenigstens später einmal geben ein goldenes Zeitalter.“
„Niemals wird ein goldenes Zeitalter sein. Wenn sich Leben und Menschen sprungartig verbessern könnten, das wäre das goldene Zeitalter ... Aber das kann niemals eintreten ... Verbesserungen steigen auf unmerklichen Stufen heran. Der Mensch sieht nur die letzte und die folgende Stufe. Sie und ich leben jetzt nicht wie römische Sklaven oder wie Wilde in der Steinzeit. Daher empfinden wir gar nicht das Glück unserer Kultur. Auch der Mensch des goldenen Zeitalters wird keinen Unterschied mit dem Leben seines Vaters sehen, wie der Vater mit dem des Großvaters und so zurück. Der Mensch geht auf ewiger Bahn und eine Brücke zum Glück bauen wollen, das ist dasselbe, als wenn man zu einer unendlichen Zahl neue Einheiten addieren wollte.“