... Vielleicht ist das auch noch das Schönste und Klügste ... In diesem Augenblick schien ihm das Bild eines Menschen verlockend schön, der voll Geist und Verständnis abseits vom Leben steht und das sinnlose Treiben der dem Tode Geweihten betrachtet.

Aber er merkte bald, daß in diesem Gedanken etwas Leeres lag. Und aus dieser Leere stieg der Wunsch empor, daß es jetzt jemanden gäbe, der sieht und versteht, wie schön sich Jurii Swaroschitsch in der Pose eines über dem Leben Stehenden ausnimmt. Bald ertappte er sich jedoch wieder bei dieser Selbstgefälligkeit und fühlte sich bitter beschämt.

Da begann er, um den schweren Druck, der auf seinem Bewußtsein lastete, loszuwerden, sich zum tausendsten Mal zu sagen, daß der breite und scheinbar so grandiose Strom des Lebens, wer auch an seinen Irrläufen Schuld trage, schließlich doch schwach und dumpf in das schwarze Loch des Todes hineinstürze. Dort gibt es keine Wertschätzung mehr, keine Ueberlegung, wie und wozu der Mensch lebe.

... Ist es nicht ganz gleich, ob ich als ein Volkstribun sterbe, als der größte Gelehrte, der tiefsinnigste Schriftsteller oder als ein leer herumlaufender von Trübsal geplagter russischer Intelligenzler. Alles derselbe Unsinn, dachte Jurii mit trüber Schwermut und ging nach Hause.

In dem durchsichtigen Schweigen des neuen Tages, durch das nur die eigenen Gedanken deutlich hervortönten und in dem man das langsame, unabwendbare Absterben des Vergangenen in jedem Nerv empfand, war ihm immer schwerer zumute.

... Da läuft Ljalja, dachte Jurii, als er etwas Rosiges und Lustiges hinter den grünen und gelben Büschen flimmern sah. Die glückliche Ljalka lebt wie ein Falter mit dem heutigen Tage, braucht nichts, verlangt nichts, als ihr Glück, ach, wenn ich auch so leben könnte.

Doch dieser Gedanke glitt nur über die Oberfläche; er stieß ihn selbst von sich. Sein Geist, seine Trübsal, die Qualen, unter welchen er so schmerzlich litt, schienen ihm eine ungewöhnliche Seltenheit und Kostbarkeit, die er ganz gewiß nicht gegen das Schmetterlingsleben Ljaljas eintauschen mochte.

„Jura, Jura,“ schrie Ljalja mit klangvoll singender Stimme, obgleich sie nur in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm stand. Schweigsam, ganz mit dem Lächeln eines mutwilligen Geheimniskrämers reichte sie ihm ein schmales, rosiges Kuvert.

„Von wem?“ fragte Jurii unfreundlich.

„Von Sinotschka Karssawina, Täubchen,“ erklärte Ljalja feierlich, gleichzeitig in mysteriösem Ton; sie drohte ihm mit dem Finger.