Jurii errötete furchtbar. Ihm schien in diesem Ueberreichen von parfümierten Briefchen in rosigem Kuvert etwas Abgeschmacktes zu liegen, durch das er sich selbst nur als glücklicher Empfänger bis zu einem gewissen Grade lächerlich machte. Doch mit einem Ruck riß er sich zusammen, einem Igel gleich steckte er aber noch immer nach allen Seiten stechende Nadeln heraus. Ljalja, die neben ihm herlief, bemerkte nichts. Mit dem eigenartigen Entzücken, mit dem sentimentale Schwestern an den Liebesaffären ihrer geliebten Brüder teilnehmen, begann sie ihm zuzutuscheln, wie sehr sie Karssawina liebe und wie sie sich darauf freue, daß er sie einmal heiraten wird.

Das unglückselige Wort „heiraten“ spiegelte sich auf Jurii in neuem Erröten und zornblitzenden Augen wieder. Der echte Provinz-Roman mit rosigen Zettelchen, den Schwestern als Vermittlerinnen, mit der legitimen Ehe, der Wirtschaft, dem Weibchen, den Kindern, stand gerade in der abgeschmacktesten, waschlappigsten, pflaumenweichsten Zuckersyrupform, die er am meisten verabscheute, vor ihm.

„Ach, laß doch bitte, was für dummes Zeug,“ wehrte er fast erbittert Ljalja ab. Seine Bewegungen waren so grob, daß sie sich gekränkt fühlte.

„Was für Komödie spielst du? ... Bist du wirklich verliebt, was schadet es denn,“ schmollte sie. Mit unbewußter weiblicher Rachsucht traf sie ihn gerade an der empfindlichsten Stelle, indem sie hinzufügte: „Ich kann nicht begreifen, weswegen ihr alle aus euch die großartigsten Helden machen wollt.“

Sie schwenkte ihr rosiges Kleid herum, zeigte verächtlich die durchbrochenen Strümpfchen und schritt wie eine erzürnte Prinzessin ins Haus.

Jurii sah ihr noch wütender nach, errötete noch mehr und riß das Kuvert auf.

... Jurii Nikolajewitsch, wenn Sie wollen und können, so kommen Sie heute ins Kloster. Ich werde mit meiner Tante dort sein. Sie ist bei der Beichte und kommt nicht aus der Kirche heraus. Mir ist entsetzlich langweilig, ich möchte über vieles mit Ihnen sprechen. Kommen Sie doch. Es ist vielleicht nicht richtig, daß ich Ihnen schreibe, aber kommen müssen Sie doch! ...

Jurii vergaß an alles, was er bisher gedacht hatte und las den letzten Satz mit sonderbarer Aufregung, geradezu in physischer Freude. In dem einen kurzen Satz spiegelte sich das junge, reine Mädchen, das zuversichtlich und naiv das Geheimnis seiner Liebe äußert, ungemein deutlich wieder. Als ob sie nun zu ihm kommen müsse, machtlos, schüchtern, liebend; sie kann nicht mehr kämpfen, weiß nicht mehr, was geschieht, sie fühlt nur, daß sie sich ganz seinen Armen hingeben muß. Die unerwartete Nähe der Entscheidung durchschüttelte seinen ganzen Körper, brachte ihn zu ergreifendem Beben. Einfach und unvermeidlich fühlte er jetzt ihre dürstende Jugend, ihren reinen Körper, der sich vor ihm zum ersten Mal entblößen würde, den Duft der weiblichen Haare, die erschreckten, glücklichen Augen, mit Tränen, die wie Tauperlen erglänzten. Der Versuch, ironisch zu lächeln, gelang ihm nicht, alles ging in einem solchen Schwung gierigen Glückes unter, daß er sich vorkam, als flatterte er wie ein Vogel über die Wipfel des Gartens empor zum blauen, sonnendurchtränkten, freien Raum.

Den ganzen Tag war sein Herz licht; er empfand in seinem Körper eine so starke Kraft, daß ihm jede Bewegung vollen, frischen Genuß bereitete. Gegen Abend nahm er eine Droschke, um nicht durch den Sand laufen zu müssen, und fuhr zum Kloster hinaus; unbewußt schämte er sich vor der ganzen Welt und lächelte ihr doch zu. An der Anlegestelle stieg er ins Boot und ein kräftiger Bauer ruderte ihn flink zum Kloster hinüber. Jurii konnte immer noch nicht verstehen, was er eigentlich durchlebte. Erst als das Boot aus der Wirrnis der engen Gänge auf die breite Wasserfläche hinausschoß und der Fluß ihm den feuchten Duft der Tiefe weich ins Gesicht atmete, empfand er mit voller Seele, daß er glücklich war und daß ihm das rosige parfümierte Kuvert dieses Glück gebracht hatte.

... Und ist es im Grunde genommen nicht ganz gleich ... Jurii hielt es doch für nötig, Karssawina in Gedanken zu verteidigen. Sie lebt doch in einem solchen Kreis. Ein kleinstädtischer Roman, gut, mag es auch ein solcher werden.