Ssanin lehnte sich an das Fensterbrett und sagte: „Kommen Sie auf einen Augenblick in den Garten hinaus ... Wir müssen über einiges miteinander sprechen.“

Karssawina stand auf. Ganz im Banne einer unbegreiflichen Macht wußte sie nicht, was sie zu tun hätte, wohin und wie sie gehen sollte.

„Ich werde draußen warten,“ bemerkte Ssanin.

Sie nickte nur mit dem Kopf.

Er ging mit ruhigen langsamen Schritten fort; sie fürchtete hinter ihm herzusehen. Einige Sekunden lang stand sie unbeweglich; sie hielt die Hände fest zusammengepreßt. Dann kam sie in Bewegung, alles wurde plötzlich in ihr voller Hast; als sie aus dem Hause trat, raffte sie sogar ihr Kleid, um leichter gehen zu können.

Das goldene Licht der Sonne und das Leuchten der gelben Blätter durchdrang unaufhaltsam den ganzen Garten. Schon von weitem sah sie Ssanin, der mitten auf dem Wege stand. Er lächelte ihr entgegen; unter seinem weichen, anteilnehmenden Blick wurde es dem Mädchen schwer, die Füße vorwärts zu setzen. Ihr schien es, daß sie das Kleid nicht mehr vor seinen Augen verhülle, und daß ihm jede Bewegung ihres nackten Körpers, der ihm nicht mehr fremd war, sichtbar sein müsse. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Scham wurde in ihr so stark, daß sie den Garten und das Licht zu fürchten begann. Fast stürzend, eilig, trat sie auf ihn zu und blieb so dicht vor ihm stehen, daß er sie nicht ganz von Kopf bis zu Füßen ansehen konnte.

Da nahm er sie an den Händen, führte sie tief in das Dickicht der verwachsenen Bäume und zog sie sich auf die Kniee, während er sich selbst halb auf den Stumpf eines alten Apfelbaumes niedersetzte.

Von der Seite sah er ihr gesenktes zartes Profil, ihre runden Schultern, weich und schwach, neben seiner breiten festen Brust, trotzdem aber harmonierten sie eigentümlich gut miteinander. Unwillkürlich wurde er von einem verzückten Rausch über ihre Schönheit erfaßt, und indem er sich gleichsam vor ihr beugte, bog er sich nieder und küßte den feinen trockenen Stoff, durch den ihr frischer Körper schimmerte und Wärmefluten ausstrahlte. Sie erschauerte, zog sich aber nicht zurück. Er besiegte sie mit seiner Kraft und Sicherheit; sie ihn durch ihre Zärtlichkeit und Schönheit. Beide hatten Furcht voreinander. Ssanin wünschte ihr viele zarte beruhigende Worte zu sagen, aber er glaubte, daß sie der erste Laut verletzen würde; er schwieg. Das Mädchen hörte das gespannte Geräusch seines Atmens.

— — — Was will er, ... was wird er tun, dachte sie vor Scham und Furcht fast ersterbend ... Wirklich denn wieder dasselbe? ... Dann reiße ich mich los ... ich laufe fort.

„Sinotschka,“ sagte er endlich. Seine Stimme, die den ungewohnten Namen ungeschickt aussprach, war doch zärtlich und eindringlich. Karssawina blickte ihm für einen Augenblick ins Gesicht und begegnete seinen glänzenden Augen, die entzückt und doch zurückhaltend so nahe in die ihren blickten, daß sie zurückschrak ... Aber gleichzeitig fühlte sie instinktiv, daß er garnicht so furchtbar wäre, und daß er sich in diesem Augenblick mehr vor ihr scheute als sie vor ihm. Eine Regung, ähnlich einer kecken, mädchenhaften Neugierde, bewegte sich in einem Winkel ihrer Seele, und plötzlich wurde es ihr leichter und nicht mehr beschämend, auf seinem Schoße zu sitzen.