„Ich komme mit mir nicht zurecht ...“ sprach Ssanin. „Vielleicht bin ich Ihnen gegenüber sehr schuldig und ich hätte nicht noch kommen dürfen. Aber ich konnte Sie nicht so lassen. Ich wünschte so sehr, daß Sie mich verstehen ... und zu mir keinen Widerwillen und keinen Haß empfinden. Was sollte ich tun ... Es gab einen Augenblick, in dem ich fühlte, daß zwischen uns etwas niedergefallen war. Ich wußte, wenn ich diesen Augenblick vergehen lasse, so wird er sich in meinem ganzen Leben nicht mehr wiederholen. Sie gingen an mir vorbei; und niemals würde ich diesen Genuß und das Glück erleben, das ich erleben konnte ... Sie sind ja so schön und so jung.“

Karssawina schwieg. Ihr durchsichtiges Ohr halb mit Haaren bedeckt, wurde rosiger und ihre Wimpern zuckten.

Und ebenso leise, mit zitternden und unklaren Worten sprach Ssanin weiter von dem ungeheuren Glück, das sie ihm gegeben hatte, und daß diese eine Nacht nun für immer in seinem Leben wie ein Märchen verbleiben wird. An seiner Stimme konnte man hören, daß er offenbar unter der Unmöglichkeit litt, ihr etwas sagen zu können, worunter die Trauer vergehen und eine neue fröhliche Welle heranschwellen müßte, die sie glücklich machen würde.

„Sie leiden und gestern war es doch so schön,“ fuhr er fort. „Aber diese Leiden kommen doch nur daher, daß unser Leben sinnlos aufgebaut ist, daß die Menschen selbst einen bestimmten Zehnten für ihr eigenes Glück aufgestellt haben. Wenn wir anders leben würden, dann müßte diese Nacht in unserer Erinnerung als eines der wertvollsten und wunderbarsten Erlebnisse, die nur das Leben teuer machen können, bleiben.“

„Wenn ... ja, wenn nur ...“ Und plötzlich, auch für sich ganz unerwartet, lächelte sie neckisch vor sich hin.

Als wenn die Sonne aufginge, als wenn die Vögel zu singen und die Gräser zu rauschen begonnen hätten, so wurde die Seele leicht und licht von ihrem Lächeln, das für einen Augenblick das frühere fröhliche und freie Mädchen auferstehen ließ. Aber es war nur ein Aufflammen, das sofort wieder erlosch.

Mit einem Mal stieg vor Karssawina ihr zukünftiges Leben auf, wie abgerissene schmutzige Fetzen von Hohn, Klatsch und Schande. Alle bekannten Gesichter sah sie vor sich und alle trugen in ihren Mienen Spott und Ekel; sinnlose Bilder sprangen um sie herum; dichte Furcht bedeckte wieder ihre Seele und rief in ihr nur Haß hervor.

„Gehen Sie ... lassen Sie mich,“ rief sie. Sie erblaßte und preßte ihre Zähne mit einem grausamen Ausdruck, als wenn sie sich für ihr Lächeln rächen wollte, zusammen; dann stieß sie sich von seiner Brust ab und stand auf.

Ein schwerer ohnmächtiger Druck bemächtigte sich Ssanins. Er fühlte, daß sie keine Worte in dem, was sie offensichtlich mit Leiden und Schande bedrohte, trösten konnten. Sie hatte Recht in ihrem Zorn und Schmerz; in seinen Kräften lag es nicht, die Welt mit einem Mal umzugestalten, um von ihren weiblichen Schultern die entsetzliche Last abzunehmen, die auf sie, ohne Schuld für die Freuden und das Glück, die er durch ihre junge Schönheit erhalten hatte, herabgesunken war. Für einen Augenblick stieg in ihm der Gedanke auf, ihr seinen Namen, ihr jede Hilfe anzubieten, doch davon hielt ihn etwas zurück. Er fühlte, daß alles das in dieser Minute zu kleinlich wäre und daß jetzt anderes nottue.

— — — Gut, mag denn das Leben seinen Weg gehen, dachte er schließlich.