Sie stand in der Nähe, die Arme gesenkt, den Kopf, der mit einer Krone herrlichen Haares bedeckt war, gebeugt; sie war in Gedanken versunken, während eine tiefe Falte ihre weiße Stirne durchschnitt.

„Ich weiß,“ sprach Ssanin. „Sie lieben Jurii Swaroschitsch. Vielleicht leiden Sie gerade darunter am allermeisten.“

„Ich liebe niemanden,“ flüsterte sie, die Hände krampfhaft ineinander verschlingend.

Mit scharfen Strichen physischen Schmerzes zeichnete sich das Bewußtsein ihrer Schuld gegen Jurii und hilflose Verzweiflung auf ihrem Gesicht.

In ihrer Seele stieg inzwischen die ungeheure Frage, die über ihre Kraft ging, die, wie ihr schien, das ganze Entsetzen und die ganze Auflösung des Vorgefallenen enthielt, auf und schwankte wie eine Rauchsäule über ihrem ganzen bisherigen Leben.

— — — Wie ist es möglich, das miteinander zu verbinden, — — — ich liebe Jurii so sehr, liebe ihn noch jetzt, daß es mein Herz zerreißt. Beim Gedanken daran, daß ich für ihn nicht mehr so rein und einzig sein werde, wie ich war, wird in mir alles dunkel wie vor dem Tode. Und dennoch ... dennoch konnte ich ...

Der Gedanke an Ssanin hatte keinen Ausdruck. Er bewahrte nur die Erinnerung an tolle Kraft, an überschäumenden Genuß, in dem der Schmerz mit dem Verlangen nach noch größerer, noch tieferer Innigkeit zusammenfiel; für Augenblicke sprang aus ihm der Wunsch, zu Tode gemartert zu werden. Aber weiter trug er die lichte stille Erinnerung an eine singende, unsagbar innige Zärtlichkeit in sich, die ihr Herz liebkoste.

— — — Ich bin selbst schuld, sagte sich Karssawina ... Ich bin eben ein garstiges, lasterhaftes Geschöpf. — — —

Am liebsten hätte sie geweint, gebüßt, den weißen herrlichen Körper, der stärker als die Vernunft, die Liebe und Bewußtsein gewesen war, mit der Peitsche gezüchtigt.

Einen Augenblick lang schien ihr, daß sie diesen furchtbaren Taumel nicht ertragen werde; das Bewußtsein wird untergehen, sie muß sterben. Doch es ging gleich wieder vorüber, entkräftigte sie nur und ließ hoffnungslose, stille Trauer in ihr zurück.