Aber ich liebe sie ja, sagte sich Jurii mit dem letzten Aufwand qualvoller Ratlosigkeit. Wie ist es denn möglich, daß ich selbst mein eigenes Glück zerstöre. Unsinnig, widerwärtig wäre es doch. Aber was denn? ... Heiraten? ...
Wieder von dem bloßen Gedanken wie vor den Kopf geschlagen, sank Jurii von neuem in haltlose Trauer. Um nicht mehr weiter nachdenken zu müssen, setzte er sich an den Tisch und nahm sich einige Blätter zum Lesen vor, auf denen er im Tone des Prediger Salomo einige Aufzeichnungen gemacht hatte:
„In der Welt gibt es nicht Gutes, nicht Böses.
So sagen die einen: Was das Natürliche ist, das sei auch gut und gerecht sei der Mensch in seinen Wünschen.
Aber eitel Lüge ist das, denn alles ist natürlich, nichts wird aus Leere und Finsternis geboren. Alles hat seinen Anfang.
So sagen die anderen: Das ist gut, was da von Gott kommt. Aber ebenso ist das eitel Lüge, denn, wenn ein Gott ist, so kommt alles von ihm, und so auch die Gotteslästerung.
So sagen die dritten: Das ist gut, was den Menschen Gutes bringt. Aber gibt es denn solches? Was dem einen das Gute ist, das ist Böses dem anderen. Dem Sklaven ist seine Freiheit gut, dem Herrn die Knechtschaft des Sklaven. — Dem Reichen die Erhaltung seiner Reichtümer, dem Armen der Untergang des Reichen. — Dem Ungeliebten, daß sie ihn lieb gewönne, dem Glücklichen, daß sie alle Anderen verwerfe, außer ihm. — Dem Lebenden, er möge nicht sterben, dem Geborenen, daß da alle sterben und lassen ihm freien Platz. Dem Menschen der Untergang der Tiere, den Tieren der Untergang der Menschen. Und so ist alles, und so ist es von Anfang bis an das Ende der Zeiten. Und niemand hat vor dem anderen ein Vorrecht auf das Gute, das ihm allein das Gute ist.
Hier gilt es unter den Menschen als Wahrheit: Gutes und Liebes schaffen, sei besser als Böses und Haß. Aber das ist verborgen. Denn so es eine Vergeltung gibt, ist es den Menschen besser, Gutes zu schaffen und sich selbst zu opfern, so es aber keine gibt, ist es besser, nach seinem Teil auf der Erde zu streben.
Hier noch ein Beispiel für die Lüge, die da unter den Menschen lebt: Da ist einer, der sein Leben, für die anderen hingibt. Und ihm wird gesagt: Dein Geist wird dich überleben, weil er in den menschlichen Taten, wie ein ewiger Same, verbleiben werde. Aber das ist Lüge, denn wir wissen, daß in der Kette der Zeiten der Geist der Schöpfung in gleicher Weise lebt wie der Geist der Zerstörung und es ist unbekannt, was einst auferstehen und was zerfallen wird. Hier noch eins: Da denken die Menschen daran, wie man nach ihnen leben wird, und sagen sich, daß es gut sei, und daß ihre Kinder ihre Früchte ernten werden. Aber wir wissen nicht, was nach uns sein wird, wir können uns kein Bild machen von den Myriaden und Abermyriaden, die auf unseren Pfaden wandeln werden. Und wir können sie nicht lieben oder hassen, wie wir nicht die lieben oder hassen können, die vor uns waren. Das Band zwischen den Zeiten ist zerrissen.
So wird gesagt: Machen wir die Menschen gleich vor der Quelle der Freude und des Kummers und teilen wir allen nach gleichem Maße zu. Aber kein Mensch kann Freude und Kummer, Schmerz und Genuß in größerem Maße bekommen, als er sich selber schafft. Und wenn der Anteil der Menschen nicht gleich ist, so, weil sie nicht gleich sind. Und so auch ihr Maß gleich gemacht ist, werden ihre Herzen in Ewigkeit nicht gleich werden.