Semionow brach ab.
Der Mond leuchtete hell und gleichmäßig wie früher, und unablässig glitt der schwarze Schatten hinter ihnen her.
„Also, der Organismus zerfällt,“ ließ er sich plötzlich wieder mit einer ganz schwachen, jämmerlichen Stimme vernehmen. „Wenn Sie wüßten, wie schwer es einem wird, so zu sterben. Besonders in einer solchen hellen, warmen Nacht.“ Er wendete Jurii sein häßliches Gesicht aus Haut und Knochen und mit anormal glänzenden Augen zu, aus denen eine wimmernde Sehnsucht sprach. „Alles lebt und ich sterbe. Diese Phrase wird Ihnen selbstverständlich abgeleiert vorkommen, gewiß, sie muß Ihnen so vorkommen, aber ich ... ich sterbe. Nicht in einem Roman, nicht auf einem Fest mit künstlerischer Wahrheit niedergeschrieben, nein, einfach so, in Wirklichkeit sterbe ich. Und mir scheint das wahrhaftig nicht banal. Ihnen wird dabei auch einmal anders zu Mute sein. Ich sterbe, ... sterbe, ... und weiter nicht.“
Semionow geriet in anhaltenden Husten; es dauerte einige furchtbare Minuten, bis er ihn überwunden hatte.
„Manchmal fange ich an, darüber nachzudenken, daß ich bald in völliger Dunkelheit liegen werde. Verstehen Sie, in kalter Erde, mit eingefallener Nase und abgefaulten Gliedern. Und hier oben bei Ihnen auf der Erde wird alles weiter so seinen Gang gehen wie jetzt, wo ich noch lebend mit herumlaufe. Sie werden ja dann noch am Leben sein. Werden weiter herumlaufen, auf diesen Mond schauen, Sie werden atmen, an meinem Grabe vorübergehen; ... vielleicht werden Sie sich dort hinstellen und ein Bedürfnis erledigen. Und ich werde liegen und ekelhaft weiter faulen. He,“ schrie Semionow plötzlich haßerfüllt auf, „was ist mir da Bebel und Millionen anderer fratzenschneidender Esel ...“
Jurii konnte sich noch immer nicht diesen angstdurchbebten Reden gegenüber zurechtfinden und wurde nur verlegener.
„Nun leben Sie wohl,“ sagte Semionow ganz leise und weich, „ich bin hier zu Hause.“
Jurii drückte ihm die Hand; er sah mit tiefem Mitgefühl auf seine eingedrückte Brust, die angezogenen Schultern und auf den Stock mit der dicken Krücke, den Semionow zwischen die Knopflöcher seines abgetragenen Studentenpaletots eingehängt hatte. Er wollte ein gutes Wort zu ihm sprechen, ihn irgendwie trösten, und ihm Hoffnung einflößen; er fühlte aber, daß er ihm damit doch keine Ruhe bringen könne. So seufzte er nur und sagte: „Auf Wiedersehen.“
Semionow faßte an die Mütze und öffnete die Pforte. Noch hinter dem Zaune her hörte man seine schlürfenden Schritte und das hohle Husten.
Dann wurde alles still. Jurii ging langsam zurück. Und alles, was ihm noch vor einer halben Stunde hell, leicht und ruhig erschienen war, ... der Mondenschein, der Sternenhimmel, die Pappelbäume vom Monde bestrahlt und ihre geheimnisvollen Schatten, das lag jetzt tot und grauenhaft vor ihm, wie die Kälte eines ungeheuren Weltengrabes.