Das Mädchen wurde unter seinem Blick verlegen:

„Nun gehen wir doch weiter,“ sagte sie hastig. Folgsam und leicht schritt Jurii voran, mit keinem Gedanken mehr bei der Gefahr verweilend; sorgsam suchte er den Weg vor Karssawinas Füßen zu beleuchten.

Die braunen, feuchten Wände der Höhle näherten sich ihnen bald wie mit einer erstarrten Geste, bald bogen sie sich plötzlich wieder zurück, als wünschten sie selbst, diesen jungen, frohen Menschen den Weg frei zu machen. Stellenweise waren große Erdblöcke herausgebrochen, Steintrümmer niedergestürzt, und an ihrem Platze gähnten nun tiefe, schwarze Höhlungen, die durch die Dunkelheit noch bedeutend auseinandergedrängt schienen. Ueber ihren Köpfen hingen ungeheure Erdmassen tot und starr; es lag eine furchtbare Drohung darin, daß sie nicht herunterschlugen, sondern von einem mächtigen, unfaßbaren Gesetz gehalten, unbeweglich über ihnen wuchteten.

Schließlich mündeten die Gänge in ein breites, düsteres Gewölbe, das von stickiger Luft erfüllt war.

Auch das Licht erlosch beinahe in dieser bedrückenden Finsternis, während Jurii an den Wänden entlang tastete, um einen neuen Ausweg zu suchen; dabei sprangen schwankende Schatten und getupfte Flecken, die das Licht zurückwarf, um ihn herum.

Es gab noch einige andere Ausgänge, sie waren jedoch sämtlich durch Erdrutsche verschüttet. Alles machte den Eindruck des Grabes und es wäre nicht denkbar gewesen, daß hier Menschen gehaust haben sollten, wenn nicht in einer Ecke die Ueberreste einer hölzernen Lagerstatt traurig verfault wären. Aber auch sie glich nur einem alten, längst zermorschten Sarge.

„Hier ist es nun grade nicht sehr interessant,“ meinte Jurii, ohne es selbst zu bemerken, mit gedämpfter Stimme. Die Erdmassen drückten so stark auf beide, daß Karssawina unwillkürlich ihre Lippen zu einem Flüstern bewegte, während ihre Augen im Lichtschein flimmernd umherirrten. Ihr wurde es bange, sie drängte sich näher an Jurii, als suche sie bei ihm Hilfe. Er bemerkte es und es erfüllte ihn mit Freuden, daß er, neben der Schönheit und Schwäche dieses Mädchens, noch eine leise Zärtlichkeit hervorrief, von der sie nichts wußte, die sie aber deutlich in ihren behutsamen Bewegungen ausstrahlte.

„Wir sind wie lebend Begrabene,“ flüsterte Karssawina. „Ich glaube, wenn hier jemand schreit, so kann ihn draußen keiner hören.“

„Gewiß nicht!“ Jurii lächelte. Plötzlich wurde sein Kopf von einem Schwindel ergriffen. Er blickte von der Seite auf ihre hohe Brust, kaum von dem dünnen Stoff der kleinrussischen Bluse verhüllt und sah ihre runden, weich abfallenden Schultern. Der Gedanke, daß sie sich in Wirklichkeit hier in seinen Händen befand und daß niemand ihre Schreie hören würde, packte ihn mit furchtbarer Ueberraschung; im Kopf wirbelte es ihm so stark, daß es ihm einen Augenblick lang dunkel vor den Augen wurde.

Doch sofort wurde er wieder seiner Herr. Er empfand, wie widerwärtig der Gedanke allein war, mit Gewalt auf eine Frau einzudringen. Und vor allem für ihn, Jurii Swaroschitsch, den Revolutionär. Anstatt der beißenden Erregung, die jeden Nerv in ihm aufreizte, nachzugeben, sprach er ganz ruhig: