— Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu und Glauben.

— Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück.

— O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden, und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von Mann zu Mann, von Geschlecht

zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der ehrbaren Meinung.

— Habt Ihr viele Gesetze?

— O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge.

— Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: „Das Verderben des Staates sind die Gesetze.“ Besonders jene Gesetze, welche neben einem ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.

— Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön entwickelte?

— Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen. Nicht von dieser Landschaft, sondern

einer weiter nach Norden gelegenen. Da hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit, einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte, konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte. Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig, unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen, der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme, die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen, anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen