sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht niedergelacht, wie sich’s geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten, Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in’s Land, die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging’s weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern, sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen.

Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter mache nun einmal redselig.

Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich, das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei nicht froh.

— In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt?

Grege antwortete mit Ueberzeugung:

— In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege. Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen.

Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und demüthigte.

— Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten Leute chemisch verflüchtigen.

Grege senkte den Kopf und murmelte: — Ja, das können wir auch.

Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos denken, und wie er jetzt von unten herauf durch’s Fenster schielte, vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen. Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und so ehrlicher Scham hatte er’s nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern, wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können.