Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten den bierfeindlichen Zarathustra bis auf’s Blut und hetzten ihn von Land zu Land. Endlich entfloh er ihnen in’s Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen. Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen. Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die Tafel auf: „Es ist besser in die
Hände der Räuber, als in die Träume eines brünstigen Weibes zu fallen.“ Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen, ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.
— Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre der Teutaleute? Sag’ Dein Sprüchlein zu Ende!
— Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den Jungen nur verlacht wurden, ließen sie’s und schüttelten betrübt die Köpfe. Von Staatswegen, im Interesse von „Thron und Altar“, wie damals die Formel lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.
— Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?
— Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre öffentlich
ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir . . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .
— Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte . . .
— Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.
— Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag’ mir noch eins: Welche Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems?